Die Ostsee ist nichts für Warmduscher. Daher ist die Wassertemperatur für die meisten Ostseefans die erste Frage vor dem Griff zur Badehose. Doch die Wassertemperatur an der Ostsee ist mehr als nur eine Urlaubskennzahl: Wie warm oder kalt unser Meer ist, hat handfeste Folgen für die gesamte Küstenregion – von der Wasserqualität bis zum Fischbestand. Ein Überblick über die aktuelle Lage und darüber, was Langzeitdaten über die Entwicklung der letzten Jahrzehnte verraten.
Aktuelle Wassertemperaturen meist bei 18° Celsius
Die folgenden Werte sind Momentaufnahmen und können sich – abhängig von Wind, Sonneneinstrahlung und Niederschlag – innerhalb weniger Tage spürbar verschieben. Sie geben aber einen guten Eindruck vom aktuellen Sommerbild an unserer Küste:
| Region | Aktuelle Wassertemperatur (ca.) |
|---|---|
| Schlei (Kappeln/Maasholm) | 17–18 °C |
| Lübecker Bucht (Travemünde) | 16 °C |
| Rostock/Warnemünde | 18–19 °C |
| Rügen (Binz) | 18 °C |
| Greifswalder Bodden (Lubmin) | 15 °C |
Auffällig, aber typisch für die Ostsee: Trotz kurzer Entfernung voneinander unterscheiden sich die Werte teils um mehrere Grad. Das liegt vor allem an der Wassertiefe und dem Grad der Abschirmung vor offener See – flache, geschützte Buchten und Bodden erwärmen sich schneller, reagieren aber auch empfindlicher auf Windwechsel und kühlere Tiefenwassereinschübe.
Die Ostsee – ein Binnenmeer mit Eigenheiten
Um diese Schwankungen einzuordnen, lohnt sich ein Blick auf die Natur der Ostsee selbst. Sie ist kein offenes Meer, sondern ein sogenanntes Binnenmeer – nur durch die schmalen dänischen Meerengen mit der Nordsee und dem Atlantik verbunden. Diese eingeschränkte Verbindung hat mehrere Konsequenzen:
Erstens ist die Ostsee vergleichsweise flach. Weite Teile, insbesondere die Küstengewässer, Förden und Bodden, sind nur wenige Meter tief. Ein geringes Wasservolumen erwärmt sich im Sommer schneller als große, tiefe offene Ozeane – kühlt im Herbst aber auch schneller wieder ab. Zweitens ist der Wasseraustausch mit dem Atlantik stark eingeschränkt: Frisches, salzreiches und sauerstoffreiches Wasser gelangt nur über die dänischen Meerengen in größeren Mengen in die Ostsee, oft nur bei bestimmten Sturmlagen. Drittens sorgt der große Süßwasserzufluss durch Flüsse aus dem gesamten, dicht besiedelten Einzugsgebiet für einen geringen Salzgehalt, der die Ostsee zu einem der größten Brackwassergebiete der Welt macht.
Die Kombination aus geringer Tiefe und begrenztem Wasseraustausch bedeutet auch: Wärme, die einmal ins System gelangt, wird deutlich langsamer wieder abgebaut als im offenen Meer. Genau das erklärt, warum die Ostsee auf Klimaveränderungen empfindlicher reagiert als etwa der Atlantik.
Die Ostsee erwärmt sich weltweit am schnellsten
Die entscheidende Frage lässt sich mit Daten des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) und weiterer Forschungseinrichtungen recht klar beantworten: Ja, die Ostsee erwärmt sich – und das ist keine neue Beobachtung, sondern seit Jahrzehnten dokumentiert.
Die Wasseroberflächentemperatur der Ostsee durchlief in den vergangenen 100 Jahren mehrere Phasen: Eine erste Erwärmungsphase begann demnach 1920 und erreichte ihr Maximum um 1940, eine zweite Erwärmungsphase begann Ende der 1980er-Jahre und hält nach IOW-Angaben bis heute an – wobei der Trend von deutlichen jährlichen Schwankungen überlagert wird. Bemerkenswert dabei: Seit 1990 zählen für Warnemünde sieben der wärmsten Sommer der vergangenen 60 Jahre.
Eine gemeinsame Studie von IOW und der Technischen Universität Dänemark, die 140 Jahre an Temperaturdaten aus Nord- und Ostsee auswertete, wies einen Anstieg der sommerlichen Oberflächentemperatur um 1,4 Grad seit 1985 nach. Nach Angaben des IOW zählt die Ostsee inzwischen zu den sich am schnellsten erwärmenden Meeresregionen der Welt, mit einer Erwärmung von mehr als einem Grad Celsius in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten. Für das zentrale Gotland-Becken werden nach anderen Auswertungen für die Oberflächentemperatur seit 1960 sogar knapp 2 Grad Erwärmung angegeben.
Was das für Vegetation und Fischbestand bedeutet
Steigende Wassertemperaturen wirken sich nicht isoliert aus, sondern verstärken bestehende Probleme der Ostsee als eines ohnehin stark genutzten und belasteten Gewässers.
Sauerstoffmangel: Eine Langzeitstudie des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel, die Messdaten der Zeitserienstation Boknis Eck von 1991 bis 2019 auswertete, zeigt, dass höhere Wassertemperaturen die sommerliche Schichtung des Wassers bis in den Herbst hinein verlängern. Warmes Oberflächenwasser vermischt sich dadurch seltener mit sauerstoffreicherem Tiefenwasser, was Sauerstoffminimumzonen begünstigt – ein Effekt, der laut GEOMAR selbst die Erfolge bei der Reduzierung von Nährstoffeinträgen der letzten Jahre teilweise wieder zunichtemacht.
Algenwachstum: Mit steigenden Temperaturen erhöht sich zudem die Wahrscheinlichkeit für das gehäufte Auftreten toxischer Blaualgen, wie unter anderem in einer Übersicht des Climate Service Centers dargestellt wird.
Fischbestände: Für den kälteliebenden Dorsch, traditionell eine der wichtigsten Arten für die Fischerei der westlichen Ostsee, verschlechtern sich laut Umweltbundesamt durch die Erwärmung tendenziell die Lebensbedingungen. Gleichzeitig begünstigen milde Winter und steigende Temperaturen die Einwanderung wärmeliebender Arten aus südlicheren Gewässern. In der Ostsee hat sich zudem in den vergangenen Jahrzehnten die ursprünglich aus dem Schwarzen und Kaspischen Meer stammende Schwarzmund-Grundel stark ausgebreitet – eine Art, die gegenüber Temperaturschwankungen und geringem Sauerstoffgehalt vergleichsweise tolerant ist. Wichtig zur Einordnung: Der Zustand von Dorsch- und Heringsbeständen in der westlichen Ostsee gilt laut Fischereiforschung seit Jahren als schlecht, wobei Überfischung und Überdüngung neben dem Klimawandel als weitere zentrale Ursachen gelten – die Erwärmung ist also ein Faktor unter mehreren, nicht die alleinige Erklärung.
Steigende Wassertemperaturen – Was Badegäste lieben, mag die Natur noch lange nicht
Die Ostsee ist als flaches Binnenmeer mit eingeschränktem Wasseraustausch von Natur aus empfindlicher für Temperaturveränderungen als offene Meeresgebiete – das erklärt sowohl die großen saisonalen Schwankungen als auch die überdurchschnittlich schnelle Erwärmung, die Forschungseinrichtungen wie das IOW seit Jahrzehnten dokumentieren. Für Badegäste bedeutet das in erster Linie angenehmere Wassertemperaturen über einen längeren Zeitraum. Für das Ökosystem selbst ist die Entwicklung differenzierter zu betrachten: Sie verschärft bestehende Belastungen wie Sauerstoffmangel und Algenwachstum und verändert langsam, aber spürbar, welche Arten in der Ostsee heimisch sind.
Quellen: Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW), GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, Umweltbundesamt, Thünen-Institut, diverse Wassertemperatur-Messportale (Stand: Juli 2026).


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