Jahrzehntelang hielt sich an der Ostsee die eigentümliche Vorstellung, Urlauber kämen zum Urlaubmachen. Sie lagen am Strand, aßen Fischbrötchen und ließen sich gelegentlich sogar dazu hinreißen, gar nichts zu tun. Damit könnte bald Schluss sein. Das neue deutsch-dänische Projekt „Nurturing Nature“ möchte aus Feriengästen „Mitgestaltende“ machen. Statt nur aufs Meer zu schauen, dürfen sie künftig beispielsweise Algen ernten oder bei der Renaturierung eines Baches mit anpacken. Willkommen im Urlaub 2.0: Die Werktätigen kehren zurück an die Ostsee. Diesmal freiwillig – und sie bezahlen ihre Unterkunft selbst.
Es gab Zeiten an der deutschen Ostseeküste, da war die Rollenverteilung einigermaßen übersichtlich. Der Werktätige arbeitete. Dann bekam er Urlaub. Im Urlaub fuhr er an die Ostsee. Und dort arbeitete er möglichst nicht. Dieses über Jahrzehnte bewährte Konzept steht nun offenbar auf dem Prüfstand.
„Insgesamt kommen immer mehr ausländische Gäste nach Norddeutschland und Dänemark … Innerhalb von 10 Jahren hat sich die Zahl der Übernachtungen von Gästen aus Südeuropa in Dänemark nahezu verdoppelt.“ Das scheint den BUND irgendwie zu stören. Daher arbeiten der BUND Schleswig-Holstein und Ostsee-Holstein-Tourismus gemeinsam mit dänischen Partnern an einem neuen Ansatz namens „Nurturing Nature“. Dahinter steckt das Konzept des regenerativen Tourismus.
Die Grundidee: Urlauber sollen eine Region nicht nur möglichst wenig beschädigen. Sie sollen sie nach ihrem Aufenthalt im Idealfall sogar ein bisschen besser hinterlassen. Das klingt zunächst sympathisch. Bis die Schaufel ins Spiel kommt.
Genosse Urlauber, die Natur ruft
Der BUND beschreibt ziemlich konkret, wie so etwas aussehen könnte. Urlaubsgäste könnten beispielsweise bei der Ernte oder Verarbeitung von Muscheln, Algen und Küstenpflanzen helfen. Oder sie packen bei der Renaturierung eines Baches mit an. Damit vollzieht die Tourismuswirtschaft einen bemerkenswerten Entwicklungsschritt.
Bisher funktionierte Urlaub ungefähr so: Der Gast bezahlt Geld. Der Gastgeber arbeitet. Künftig wäre zumindest bei manchen Angeboten auch folgende Variante denkbar: Der Gast bezahlt Geld. Und dann arbeitet der Gast. Im Gegenzug erhält er allerdings etwas ausgesprochen Zeitgemäßes: Sinn.
Die DDR hätte vermutlich anerkennend genickt
Ältere Ostseeurlauber könnten bei der Idee ein leichtes historisches Déjà-vu verspüren. Auch in der DDR war der Gedanke nicht völlig unbekannt, dass der sozialistische Mensch seine Freizeit gelegentlich zum Wohle der Gemeinschaft einsetzen durfte. Da gab es freiwillige Arbeitseinsätze, Subbotniks, das Nationale Aufbauwerk und allerlei Gelegenheiten, bei denen Werktätige außerhalb ihrer eigentlichen Arbeitszeit mit Schaufel, Besen oder sonstigem Gerät gesellschaftlichen Fortschritt herstellen konnten.
Nun wäre es natürlich grober Unfug, das mit einem heutigen EU-Tourismusprojekt gleichzusetzen. Deshalb tun wir das selbstverständlich nicht. Wir stellen lediglich fest, dass der Gedanke des erholungsuchenden Werktätigen mit Arbeitsgerät in der Hand an der Ostsee über eine gewisse historische Tradition verfügt.
Der entscheidende Unterschied: Damals hieß es gesellschaftlicher Aufbau. Heute heißt es regenerative touristische Wertschöpfung. Fortschritt zeigt sich manchmal vor allem in der Wortwahl.
Keine Sorge: Die Schaufel bleibt freiwillig
Bevor jetzt jemand vorsorglich seinen nächsten Ostseeurlaub storniert: Niemand wird morgens um sieben am Strandkorb erscheinen, eine Anwesenheitsliste verlesen und Urlauber zum kollektiven Ausheben eines Feuchtbiotops abkommandieren.
Die geplanten Angebote sind freiwillig. „Nurturing Nature“ soll an mindestens zwölf Pilotstandorten in Schleswig-Holstein und Dänemark erprobt werden. Dahinter steht ein mit rund 1,35 Millionen Euro gefördertes EU-Interreg-Projekt. Gesucht werden Ideen, bei denen Gäste aktiv etwas für Natur und Region tun können.
Das kann durchaus reizvoll sein. Viele Menschen sammeln heute freiwillig Müll am Strand, beteiligen sich an Citizen-Science-Projekten oder helfen im Urlaub bei Naturschutzmaßnahmen. Wer den ganzen Tag am Strand liegen langweilig findet, kann dabei tatsächlich etwas erleben und gleichzeitig etwas Sinnvolles tun. Vielleicht ist für den ein oder anderen ja der Urlaub tatsächlich eine willkommene Abwechslung – und er/sie/es möchte tatsächlich mal was tun….
Man sollte das Projekt deshalb nicht lächerlicher machen, als es ist. Aber ein kleines bisschen lädt es schon dazu ein.
Vom Urlauber zum „Mitgestaltenden“
Besonders schön ist nämlich die sprachliche Begleitmusik. Der Urlauber soll nicht mehr einfach Urlauber sein. Er wird zum „Mitgestaltenden“. Das klingt erheblich besser als „Feriengast mit Schaufel“. Es hat so etwas Kreatives.
Und dahinter steckt tatsächlich eine größere Idee. Beim nachhaltigen Tourismus versucht man bislang vor allem, Schäden möglichst gering zu halten: weniger Müll, weniger Ressourcenverbrauch, Schutz empfindlicher Gebiete. Regenerativer Tourismus geht einen Schritt weiter. Der Gast soll einen Ort im Idealfall besser hinterlassen, als er ihn vorgefunden hat.
Das ist ein interessanter Gedanke. Allerdings wirft er eine ebenso interessante Frage auf:
Wer ist eigentlich dafür zuständig, dass ein Urlaubsort besser wird?
Kommunen? Tourismusverbände? Naturschutzorganisationen? Professionelle Landschaftspfleger? Oder Herr Müller aus Wuppertal, der eigentlich für zehn Tage eine Ferienwohnung gebucht hat?
Erst Kurtaxe zahlen, dann Bach renaturieren?
Hier beginnt der wirklich spannende Teil der Geschichte. Denn Ostseeurlaub ist bekanntlich nicht kostenlos. Der Gast bezahlt Unterkunft, Gastronomie, Parkgebühren und vielerorts Kurabgabe beziehungsweise Tourismusbeitrag. Damit finanziert er bereits einen Teil der touristischen Infrastruktur.
Wenn man ihm anschließend erklärt, ein besonders fortschrittlicher Urlaub bestehe darin, zusätzlich selbst bei der Verbesserung der Destination mitzuarbeiten, darf man zumindest schmunzeln. Man stelle sich das Prinzip in anderen Branchen vor. Im Restaurant bringt man nach dem Essen freiwillig den Müll raus. Im Hotel bezieht man vor der Abreise noch schnell Zimmer 204. Und bei der Deutschen Bahn darf der Fahrgast am Zielbahnhof zur Steigerung seines Reiseerlebnisses ein Stück Oberleitung erneuern.
Die Idee könnte durchaus funktionieren. Urlauber suchen zunehmend nach Erlebnissen, die über Strand, Hotel und Restaurant hinausgehen. Natur erleben, etwas lernen und gleichzeitig einen sichtbaren Beitrag leisten kann befriedigender sein als der siebte Nachmittag im Strandkorb. Eine gemeinsame Seegrasaktion oder die Renaturierung eines kleinen Gewässers kann außerdem Menschen näherbringen, wie empfindlich die Landschaft an der Ostsee tatsächlich ist.
Und wer selbst einmal einen Vormittag an einem Naturschutzprojekt gearbeitet hat, wirft am Nachmittag möglicherweise weniger achtlos seinen Müll in die Dünen. Der Ansatz hat also durchaus Charme. Man muss ihn nur richtig verkaufen.
Vorschlag: Ostseeurlaub mit Leistungsnachweis
Vielleicht denkt man das Konzept deshalb gleich ein wenig größer. Bei der Anreise erhält jeder Gast neben Kurkarte und WLAN-Passwort künftig einen persönlichen Regenerationsplan.
Montag: Strand.
Dienstag: Algenverarbeitung.
Mittwoch: Wiederherstellung eines Kleingewässers.
Donnerstag: Muscheldienst.
Freitag: gesellschaftlich wertvoller Küstenschutz.
Samstag und Sonntag bleiben zur freien Verfügung, sofern das Plansoll erfüllt wurde.
Besonders engagierte Feriengäste erhalten am Ende die Auszeichnung: „Aktivist der touristischen Erholung“.
Dazu eine Urkunde und bevorzugte Zuteilung eines Strandkorbs im kommenden Fünfjahresplan. Der Ostseebote würde sich selbstverständlich bereit erklären, die Ergebnisse der einzelnen Urlauberkollektive regelmäßig zu veröffentlichen.
Aber Butter bei die Fische
Hinter dem ganzen Spaß steckt eine durchaus vernünftige Diskussion. Tourismus verbraucht Ressourcen und verändert Orte. Gerade die Ostseeküste leidet unter Nutzungsdruck, Flächenverbrauch und empfindlichen Eingriffen in Natur und Landschaft. Wenn Urlauber freiwillig helfen möchten, Schäden zu beseitigen oder Naturräume wiederherzustellen, spricht überhaupt nichts dagegen.
Im Gegenteil.
Nur sollte man die Rollen dabei nicht verdrehen. Naturschutz, Landschaftspflege und funktionierende touristische Infrastruktur bleiben Aufgaben, für die professionelle Strukturen und öffentliche beziehungsweise private Finanzierung notwendig sind.
Der freiwillige Urlauber kann dabei helfen. Er sollte aber nicht zum Ersatz für sie werden.
Und wer einfach nur zwei Wochen am Strand liegen, ein Fischbrötchen essen und ansonsten möglichst wenig gesellschaftlich Wertvolles leisten möchte, sollte das ebenfalls weiterhin guten Gewissens dürfen. Schließlich wurde eine wichtige Errungenschaft der Arbeiterbewegung nicht ohne Grund erfunden: der Urlaub.
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Hinweis: Dieser Beitrag ist eine Persiflage. Das Projekt „Nurturing Nature“ sieht keine verpflichtenden Arbeitseinsätze für Urlauber vor. Die beschriebenen Beteiligungsmöglichkeiten sollen freiwillige touristische Angebote sein. Der Vergleich mit Arbeitseinsätzen in der DDR ist eine satirische Überzeichnung und keine Gleichsetzung.

