In Neustadt in Holstein wird das Wasser der Ostsee künftig nicht nur zum Baden und Segeln genutzt. Eine neue Wärmepumpe entzieht dem Meer Wärme und versorgt damit mehr als 200 Haushalte. Das bundesweit bislang einmalige Projekt könnte zum Vorbild für weitere Küstenorte werden.
Die Ostsee ist vieles: Urlaubsrevier, Lebensraum, Verkehrsweg und Wirtschaftsfaktor. In Neustadt in Holstein kommt nun eine weitere Funktion hinzu. Dort dient das Wasser der Neustädter Bucht als Wärmequelle für ein neues Hafenquartier.
Die Stadtwerke haben Deutschlands erste Meerwasser-Wärmepumpe in Betrieb genommen, die in ein größeres Wärmenetz eingebunden ist. Seit Anfang 2026 läuft die Anlage bereits. Am Freitag wurde das System offiziell vorgestellt.
Wärme für mehr als 200 Haushalte
Die Großwärmepumpe erreicht eine thermische Leistung von bis zu 700 Kilowatt. Damit kann sie nach Angaben der Stadtwerke mehr als 200 Haushalte mit Wärme versorgen.
Das Prinzip ähnelt einer gewöhnlichen Wärmepumpe, nur dass die benötigte Umweltwärme weder aus der Luft noch aus dem Erdreich stammt. Stattdessen wird über eine rund 170 Meter lange Leitung Wasser aus dem Hafenbecken zur Energiezentrale befördert.
Dort überträgt ein Wärmetauscher die im Ostseewasser enthaltene Wärme auf einen getrennten Zwischenkreislauf. Die Wärmepumpe hebt die Temperatur anschließend auf das für das Wärmenetz benötigte Niveau an. Dabei sind nach Angaben des mit der Planung beauftragten Ingenieurbüros Vorlauftemperaturen von bis zu 72 Grad möglich.
Das abgekühlte Meerwasser gelangt anschließend wieder zurück. Es wird dabei nur um wenige Grad heruntergekühlt.
Warum sich gerade die Ostsee als Wärmequelle eignet
Entscheidend ist nicht, dass sich das Meerwasser warm anfühlt. Eine Wärmepumpe kann auch aus vergleichsweise kaltem Wasser noch nutzbare Energie gewinnen.
Gegenüber der Außenluft besitzt Meerwasser einen wichtigen Vorteil: Seine Temperatur verändert sich langsamer. Gerade im Winter ist das Wasser der Ostsee häufig wärmer als die Umgebungsluft. Dadurch kann eine Meerwasser-Wärmepumpe unter günstigen Bedingungen effizienter arbeiten als eine Luftwärmepumpe.
„Der Vorteil: Meerwasser kühlt viel langsamer ab als die Luft“, erklärt Thomas Anthoni von den Stadtwerken gegenüber dem NDR.
Ganz ohne Strom funktioniert allerdings auch diese Technik nicht. Elektrische Energie wird benötigt, um die gewonnene Umweltwärme auf die notwendige Heiztemperatur zu bringen. Je größer der Anteil erneuerbarer Energien am verwendeten Strom ist, desto klimafreundlicher fällt die Gesamtbilanz aus.
Muscheln und Algen als technische Herausforderung
Wer Ostseewasser dauerhaft durch Leitungen und Wärmetauscher pumpt, muss mit besonderen Bedingungen umgehen. Salz, Schwebstoffe, Algen und Muscheln können sich in den Anlagen ablagern oder Leitungen zusetzen.
Deshalb verfügt das Neustädter System über eine mehrstufige Filtertechnik. Gemeinsam mit biologischen Fachinstituten wurde außerdem ein Konzept entwickelt, das den Bewuchs der technischen Komponenten verhindern soll.
Auch der Schutz der Meerestiere spielte bei der Planung eine wichtige Rolle. Nach Darstellung der Stadtwerke musste durch umfangreiches Monitoring nachgewiesen werden, dass die Wasserentnahme und der Betrieb der Anlage das Ökosystem nicht schädigen.
Diese Prüfungen waren einer der Gründe dafür, dass zwischen der Projektidee und dem Start der Anlage rund fünf Jahre lagen. Techniker Thomas Anthoni spricht von zahlreichen Sitzungen, Anträgen und Nachweisen, die während des Genehmigungsverfahrens erforderlich waren.
Wärmepumpe ist Teil eines größeren Systems
Die Meerwasser-Wärmepumpe muss den Wärmebedarf des Quartiers nicht zu jeder Zeit allein abdecken. Bei besonders hoher Nachfrage können weitere Wärmequellen zugeschaltet werden.
Dazu gehören Abwärme aus dem benachbarten Müllheizkraftwerk des Zweckverbands Ostholstein, ein Spitzenlastkessel und ein thermischer Pufferspeicher. Diese Kombination soll eine zuverlässige Versorgung gewährleisten und ermöglicht es, das Wärmenetz später auf weitere Bereiche auszudehnen.
Versorgt wird zunächst das neu entstehende Hafenquartier. Dort sollen Wohnen, Gewerbe, Kultur und Tourismus miteinander verbunden werden. Neben Neubauten können grundsätzlich auch Bestandsgebäude an das neue Netz angeschlossen werden.
Das Projekt wird mit Mitteln des Bundes und der Europäischen Union gefördert. Nach Angaben des beteiligten Planungsbüros Averdung waren diese Fördermittel eine wichtige Voraussetzung, um die neuartige Anlage wirtschaftlich umsetzen zu können.
Neustadt soll anderen Küstenorten als Vorbild dienen
Schleswig-Holsteins Energiewendeminister Tobias Goldschmidt sieht Neustadt als mögliches Modell für andere Kommunen. Viele Städte und Gemeinden hätten inzwischen Wärmepläne erstellt und suchten nun nach konkreten Möglichkeiten, ihre Versorgung klimafreundlich umzubauen.
Vor allem Orte mit einem Wärmenetz und direktem Zugang zu Meer-, Fluss- oder Seewasser könnten von den Erfahrungen aus Neustadt profitieren. Voraussetzung sind allerdings geeignete Entnahmestellen, ausreichend Platz für die technische Anlage und ein Genehmigungsverfahren, das den Gewässer- und Artenschutz berücksichtigt.
Die Stadtwerke wollen die Energiezentrale deshalb auch als Demonstrationsanlage nutzen. Vertreter anderer Versorgungsunternehmen und Kommunen sollen sich dort über Technik, Betrieb und Genehmigung informieren können. Einen ausführlichen Projektüberblick stellen die Stadtwerke Neustadt in Holstein bereit.
Flensburg plant bereits in einer anderen Größenordnung
Neustadt dürfte nicht lange der einzige Standort einer solchen Anlage an der deutschen Ostseeküste bleiben. In Flensburg soll 2027 eine Meerwasser-Großwärmepumpe mit einer Leistung von 60 Megawatt in Betrieb gehen.
Sie wäre damit etwa 85-mal leistungsfähiger als die Neustädter Anlage. Das Flensburger Projekt zeigt, welches Potenzial in der Nutzung von Meerwasser für große Fernwärmenetze liegen könnte.
International ist die Technik schon weiter. Im dänischen Esbjerg arbeitet eine Meerwasser-Wärmepumpe mit einer Leistung von 70 Megawatt. Sie kann nach Angaben des Betreibers Wärme für rund 25.000 Haushalte liefern.
Neustadt beginnt deutlich kleiner. Gerade deshalb könnte das Projekt für viele Küstenorte interessant sein: Es zeigt, dass Wärme aus der Ostsee nicht nur in Großstädten und riesigen Kraftwerken genutzt werden kann. Deutschlands erstes entsprechendes Wärmenetz läuft nun dort, wo das Meer praktisch vor der Haustür liegt.
Text und Bild: KI

