Wer bei Aquakultur an riesige Lachsfarmen in norwegischen Fjorden denkt, liegt nicht ganz falsch. Doch Fischfarmen im Meer gibt es auch vor der deutschen Ostseeküste. Und künftig könnten neben Fischen vor allem Muscheln und Algen eine größere Rolle spielen.

Die EU beschäftigt sich derzeit intensiv damit, wie die Aquakultur ausgebaut werden kann, ohne die Meere zusätzlich zu belasten. Ein neues Hintergrundpapier zur „Circular Economy in Aquaculture“ beschreibt Möglichkeiten, Fisch-, Muschel- und Algenzucht stärker nach dem Prinzip der Kreislaufwirtschaft zu organisieren.

Für Ostseeurlauber klingt das zunächst nach einem ziemlich weit entfernten Brüsseler Thema. Ist es aber nicht.

Forellen schwimmen schon heute in der Kieler Förde

Aquakultur ist an der deutschen Ostsee keine Zukunftsmusik. Das Land Schleswig-Holstein führt ausdrücklich Netzgehege zur Forellenproduktion in der Kieler Förde auf. Auch Muscheln sowie Mikro- und Makroalgen zählen zur Aquakultur. Wirtschaftlich wesentlich bedeutender ist die Muschelzucht in Schleswig-Holstein bislang allerdings an der Nordsee.

Noch spannender wird es weiter östlich.

In Mecklenburg-Vorpommern läuft seit 2023 ein Forschungsprojekt, das ziemlich genau untersucht, wie eine künftige Ostsee-Aquakultur aussehen könnte.

Das Institut für Fischerei der Landesforschungsanstalt Mecklenburg-Vorpommern hält dafür Regenbogenforellen in Offshore-Käfigen und erprobt gleichzeitig die Aufzucht von Miesmuscheln. Das Projekt läuft noch bis Dezember 2026. Partner ist ein Fischereiunternehmen aus Kühlungsborn.

Das Ziel ist bemerkenswert: Entwickelt werden soll ein System, das später von kleineren Fischereibetrieben an der Ostseeküste wirtschaftlich betrieben werden könnte.

Es geht also nicht nur um ein wissenschaftliches Experiment.

Warum ausgerechnet Fisch und Muscheln zusammen?

Hier beginnt der eigentlich interessante Teil.

Fische benötigen Futter. Dadurch gelangen Nährstoffe ins Wasser. Muscheln wiederum entnehmen dem Wasser Stoffe, von denen sie sich ernähren.

Die Forscher in Mecklenburg-Vorpommern untersuchen deshalb ausdrücklich, wie hoch der Nährstoffeintrag durch die Fischproduktion ist und wie viele Nährstoffe durch die Entnahme von Fischen und Miesmuscheln wieder aus dem System verschwinden.

Genau solche Ansätze passen zum Prinzip einer stärker kreislauforientierten Aquakultur, das die EU vorantreibt.

Dabei geht es nicht darum, die Ostsee nun flächendeckend mit Fischkäfigen zu bestücken. Vielmehr sollen Stoffströme besser genutzt, Abfälle reduziert und unterschiedliche Formen der Aquakultur miteinander kombiniert werden. Das neue EU-Papier soll Behörden und Unternehmen dafür konkrete Lösungsansätze liefern.

Muscheln und Algen könnten wichtiger werden

Besonders interessant für Nord- und Ostsee sind dabei Organismen, die nicht gefüttert werden müssen.

Muscheln und Algen entnehmen ihre Nährstoffe ihrer Umgebung. Deshalb untersucht die EU inzwischen ausdrücklich, welches Potenzial eine wesentlich größere Produktion von Muscheln und Algen in Nord- und Ostsee hätte.

Eine im Januar 2026 veröffentlichte EU-Studie geht sogar einen Schritt weiter: Sie untersucht bestehende und bis 2030 geplante Offshore-Windparks daraufhin, ob dort zusätzlich Algen und Muscheln kultiviert werden könnten. Dabei werden unter anderem mögliche Erträge, Nährstoffaufnahme, Auswirkungen auf CO₂ sowie wirtschaftliche Aspekte betrachtet.

Damit zeichnet sich eine Idee ab, die das Bild auf dem Meer langfristig verändern könnte: Dieselbe Fläche könnte nicht nur Strom liefern, sondern zugleich zur Produktion von Lebensmitteln oder Rohstoffen genutzt werden.

Ob und in welchem Umfang das tatsächlich an der deutschen Ostseeküste geschieht, ist allerdings noch offen.

Wird die Ostsee also zur Fischfarm?

Davon kann derzeit keine Rede sein.

Zwischen Forschungsprojekten, politischen Strategien und tatsächlich genehmigten kommerziellen Anlagen liegt ein erheblicher Unterschied. Gerade die empfindliche Ostsee stellt hohe Anforderungen an zusätzliche Nutzungen.

Trotzdem ist die Richtung interessant. Die EU will ihre Aquakulturproduktion nachhaltig erhöhen. Nach Angaben der Europäischen Kommission werden in der EU derzeit rund eine Million Tonnen Fische, Muscheln, Algen und Krebstiere pro Jahr in Aquakultur erzeugt. Weltweit beträgt der Anteil der EU an der Aquakulturproduktion dennoch weniger als ein Prozent.

Und ausgerechnet an der Ostsee trifft dieses politische Ziel auf eine Fischerei, die seit Jahren unter erheblichen Einschränkungen steht. So bleibt beispielsweise die Freizeitfischerei auf Dorsch in der westlichen Ostsee auch 2026 verboten; auch für die kommerzielle Herings- und Sprottenfischerei gelten Schutzmaßnahmen.

Für Küstenfischer könnte Aquakultur deshalb langfristig ein zusätzliches Standbein werden. Genau darauf zielt auch das Forschungsprojekt in Mecklenburg-Vorpommern.

Für Urlauber bedeutet das nicht, dass demnächst vor Binz, Kühlungsborn oder Timmendorfer Strand große Fischkäfige auftauchen.

Aber möglicherweise werden wir uns daran gewöhnen müssen, dass die Ostsee künftig nicht mehr ausschließlich Fischereirevier, Schifffahrtsstraße, Naturraum und Urlaubsmeer ist. Windenergie, Muschel- und Algenkulturen und vielleicht auch Fischzucht könnten sich manche Flächen teilen.

Wie viel davon ökologisch sinnvoll, wirtschaftlich tragfähig und an der deutschen Ostseeküste gesellschaftlich akzeptiert ist, wird gerade erst erprobt.

Quellen: EU-Kommission: Circular Economy in Aquaculture · Landesforschungsanstalt MV: Offshore-Aquakultur in der Ostsee · Schleswig-Holstein: Aquakultur · EU-Studie zu Muschel- und Algenkulturen in Nord- und Ostsee

Cookie Consent mit Real Cookie Banner