Der Trend ist eindeutig. Der Sommer als wichtigste Reisesaison hat einen Nachfolger, der im immer dichter auf den Fersen ist: Der Winter an der Ostsee! Klar, denn Reisen bedeutet für viele Menschen nicht mehr, möglichst viel Sonnenbrand zu bekommen, sondern sich besser und sicherer zu fühlen. Urlaub ist weiterhin ein wichtiger Faktor und die Möglichkeiten des Reisens werden zeitlich immer mehr auf die so genannten „Off Season“ ausgedehnt, also die Zeit ab Herbst über den Winter bis zum Frühjahr.
Immerhin 43 Prozent der Deutschen priorisieren Reiseausgaben inzwischen vor anderen Konsumausgaben – der Wunsch nach Auszeit ist also groß, auch wenn sich nicht mehr alles auf den Sommer konzentriert. Auch andere große Reiseveranstalter bestätigen diese Entwicklung. TUI benennt den Trend „Back to Nature“: Ruhe, Achtsamkeit und echte Erholung, fernab von Lärm und Trubel. Booking.com bringt es so auf den Punkt: Stille werde „Gold wert“ sein, weil Reisende der Reizüberflutung des Alltags gezielt entfliehen wollen. 67 % der Menschen in Deutschland wählen laut der „Simon-Kucher Travel-Trends-Studie 2026“ demnach bewusst keine besonders beliebten Reiseziele. „Der Reisetrend 2026 heißt: Schluss mit Trendzielen – gefragt sind Ruhe und niedrige Preise.“
Für die Ostseebäder ist das eine Steilvorlage. Denn während die Strände im Hochsommer aus allen Nähten platzen, bieten die Monate von Oktober bis März genau das, was viele Gäste inzwischen suchen: leere Promenaden, raue Natur, Zeit für sich. Die Frage, die sich viele Kurorte deshalb stellen, lautet: Wie macht man aus der Nebensaison eine echte zweite Saison?
Timmendorfer Strand plant 70 Meter lange Eisrutsche
Ein aktuelles Beispiel liefert Timmendorfer Strand. Der dortige Tourismuschef will Gäste künftig gezielt auch im Winter anlocken – unter anderem mit einer rund 70 Meter langen Eisrutsche, die für etwa 300.000 Euro entstehen soll. Zu weiteren Details, etwa dem genauen Standort oder dem geplanten Baubeginn, liegen bislang keine verifizierten Angaben vor.
Damit reiht sich das Projekt in eine ganze Serie von Investitionen ein, mit denen die Gemeinde ihr Angebot ausbaut: In Niendorf entsteht derzeit für rund 450.000 Euro eine neue Pumptrack-Bahn samt Hartplatz, gefördert unter anderem durch die Aktivregion Innere Lübecker Bucht. Auch das ganzjährig geöffnete Eissport- und Tennis-Centrum (ETC) gehört zum Winterangebot des Ortes, mit öffentlichem Eislaufen, Eisstockschießen und der beliebten Eis-Disco am Samstagabend. Dazu kommt der „Wintertraum“, der traditionsreiche Weihnachtsmarkt im Ortszentrum, der zuletzt vom 17. Dezember bis 4. Januar lief.
Winterangebote rund um die Lübecker Bucht
Timmendorfer Strand ist mit seiner Winter-Offensive nicht allein. Rund um die Lübecker Bucht haben mehrere Nachbarorte längst eigene Konzepte für die kühle Jahreszeit entwickelt:
- Scharbeutz lockt mit der EISWELT SCHARBEUTZ, einem winterlichen Eisvergnügen für die ganze Familie.
- Niendorf/Ostsee setzt mit der „Fischers Wiehnacht“ im Hafen auf weihnachtliche Stimmung direkt am Wasser.
- Travemünde bietet bis in den Februar hinein wöchentliche Fackelwanderungen (freitags, zuletzt bis 20. Februar) sowie einen winterlichen Grenzspaziergang (donnerstags, zuletzt bis 26. März).
- Großenbrode startet traditionell mit einer Neujahrsparty direkt am Strand ins neue Jahr.
- Grömitz verwandelt seinen Kurpark herbstlich-winterlich in ein „Lichtermeer“.
Mecklenburg-Vorpommern: Ganzjährige Angebote im Überblick
Noch deutlicher zeigt sich die Entwicklung weiter östlich, an der mecklenburg-vorpommerschen Küste. Dort haben sich mehrere Attraktionen inzwischen komplett von der klassischen Sommersaison gelöst und ganzjährige Öffnungszeiten etabliert.
Karls Erlebnis-Dörfer: an 365 Tagen geöffnet
Ein zentrales Beispiel sind die Erlebnis-Dörfer der Erdbeerhof-Kette Karls. Das größte Dorf in Rövershagen bei Rostock hat ganzjährig täglich von 8 bis 19 Uhr geöffnet (in der Hauptsaison bis 20 Uhr), der Eintritt aufs Gelände ist frei; kostenpflichtig sind lediglich einzelne Fahrattraktionen (meist 3 bis 4 Euro pro Fahrt) beziehungsweise eine Tages- oder Jahreskarte für unbegrenzte Nutzung. Seit 2023 verfügt Rövershagen über einen eigenen Bahnhalt an der Strecke Rostock–Stralsund. Im Winter richtet Karls in seinen Dörfern regelmäßig eine Eiswelt mit Eislaufbahn sowie weihnachtliche Manufakturen-Märkte ein. Gleiches gilt für das Karls Erlebnisdorf in Zirkow auf Rügen. Und es gibt sogar noch einen weiteren – auf Usedom.
Für Ostsee-Urlauber besonders praktisch: Karls betreibt zwei weitere Standorte direkt in den Urlaubsregionen der Insel Rügen und Usedom.
- Karls Erlebnis-Dorf Zirkow auf Rügen liegt zwischen Bergen und Binz und ist über die B 196 erreichbar; auch hier ist der Eintritt frei.
- Karls Erlebnis-Dorf Koserow auf Usedom liegt direkt am Bahnhof Koserow der Usedomer Bäderbahn, sodass eine Anreise ohne Auto möglich ist.
Wildvögel und Vogelpark: der Vogelpark Marlow
Für Naturinteressierte bietet sich der Vogelpark Marlow an, zwischen Rostock und Stralsund im Landkreis Vorpommern-Rügen gelegen. Auf dem rund acht Hektar großen, überwiegend begehbaren Gelände leben unter anderem Greifvögel, Eulen, Papageien, Flamingos und Humboldt-Pinguine; ein Streichelzoo ergänzt das Angebot. In der Hauptsaison (Mitte März bis Anfang November) ist der Park täglich geöffnet, mit täglichen Flugshows der Greifvögel und Eulen sowie weiteren Tiershows. In den Wintermonaten Dezember und Januar hat der Vogelpark Marlow allerdings geschlossen (Winterpause); in der übrigen Nebensaison gelten verkürzte Öffnungszeiten ohne Tier- und Flugshows. Wer den Park im Winter besuchen möchte, sollte sich vorab auf der Website vogelpark-marlow.de über die genauen Termine informieren. Adresse: Kölzower Chaussee 1, 18337 Marlow.
Öffentlich zugängliche Saunen auf Rügen
Auch beim Thema Wellness hat Rügen mehrere Adressen, die – anders als reine Hotel-Spas – öffentlich, also auch ohne Hotelübernachtung, zugänglich sind:
- AHOI! Rügen Badelandschaft & Sauna in Sellin (Badstraße 1, 18586 Ostseebad Sellin) verfügt über eine Saunalandschaft mit sechs Themensaunen, Whirlpools und Fußbecken. An jedem dritten Freitag im Monat findet dort zusätzlich eine Mitternachtssauna von 22 bis 1 Uhr statt.
- Die Vitamar-Bäder- und Saunawelt im IFA Rügen Hotel & Ferienpark in Binz (Strandpromenade 74, 18609 Binz) ist ebenfalls öffentlich nutzbar, mit Öffnungszeiten von 9:30 bis 23 Uhr für Wassererlebnis- und Saunawelt.
- Die Binz-Therme am Dorint Seehotel (Strandpromenade 76, 18609 Ostseebad Binz) bietet Seeküsten-Jodsole-Becken sowie eine Saunalandschaft mit finnischer Sauna, Bio-Sauna und Sole-Dampfbad; sie ist laut Betreiber auch für externe Gäste geöffnet, eine vorherige telefonische Anmeldung wird empfohlen.
Mountainbike-Trails in Mecklenburg-Vorpommern
Wer im Urlaub aktiv bleiben möchte, findet in Mecklenburg-Vorpommern – trotz der insgesamt flachen Topografie des Landes – mehrere ausgewiesene Mountainbike-Strecken:
- Im Nationalpark Jasmund auf Rügen verlaufen mehrere MTB-Routen entlang der Kreidefelsen, darunter eine anspruchsvolle Strecke bis zum Königsstuhl.
- Die Granitz-Tour auf Rügen führt auf rund 25 Kilometern durch den Granitzwald mit seinen Buchen- und Eichenbeständen, vorbei am Jagdschloss Granitz.
- Der Bikepark Neubrandenburg bietet mehrere Abfahrtsstrecken unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade für Downhill- und Bikepark-Fans.
- In der Feldberger Seenlandschaft existiert eine rund 25 Kilometer lange MTB-Runde durch Wälder und entlang von Seen.
- Die Müritzrunde ist mit rund 100 Kilometern die längste bekannte MTB-Route der Region und umrundet den größten deutschen Binnensee.
- Der „Möwenweg“ bei Kühlungsborn führt von der Stadt in die bewaldete Steilküstenregion Kühlung und wieder zurück.
Natürlich und besonders dann eignen sich diese Trails auch im Winter für eine ausgiebige Radtour. Was gibt es schließlich Schöneres, als nach einer eisigen Radtour in die Sauna im Ferienhaus zu gehen und es sich danach vor dem Kamin gemütlich zu machen.
Warum die Nebensaison für die Ostsee an Bedeutung gewinnt
Für die touristische Zukunft der Region dürfte genau diese Entwicklung entscheidend werden. Die Ostseebäder sind wirtschaftlich stark auf den Tourismus angewiesen – in Orten wie Timmendorfer Strand gibt es abseits der Reisebranche kaum nennenswertes Gewerbe. Eine Verlängerung der Saison über den Sommer hinaus verteilt die Wertschöpfung breiter über das Jahr, entlastet die Infrastruktur in den ohnehin schon stark frequentierten Sommermonaten und macht Investitionen wie Seebrücken, Erlebnisbäder oder eben Eisrutschen ganzjährig rentabler.
Die Beispiele aus Mecklenburg-Vorpommern zeigen zudem, dass sich Ganzjahres-Tourismus in der Region bereits heute wirtschaftlich trägt: Die Karls-Erlebnis-Dörfer verzeichnen an ihrem größten Standort in Warnsdorf nach Betreiberangaben über 500.000 Besucher jährlich – trotz oder gerade wegen der 365-Tage-Öffnung bei jedem Wetter. Auch öffentliche Saunalandschaften wie in Sellin oder Binz sind ganzjährig ausgelastet und unabhängig vom Badewetter attraktiv.
Das Profil der Ostsee im Winter als entspanntes und vollkommen unterschätztes Reiseziel passt daher erstaunlich gut zum aktuellen Reisetrend: kein Massenbetrieb, kein Trubel, dafür weite leere Strände, frische Seeluft und die Möglichkeit, in Ruhe abzuschalten – genau das, wonach laut den aktuellen Studien immer mehr Reisende suchen. Wenn es den Ostseebädern gelingt, dieses Potenzial mit gezielten und ganzjährig verlässlichen Angeboten – von Eislaufbahnen über Erlebnis-Dörfer bis zu Saunalandschaften und Mountainbike-Trails – sichtbar zu machen, könnte aus der einstigen Nebensaison mittelfristig eine tragende zweite Säule des Ostseetourismus werden.


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