382 Meter lang, 124 Meter breit und in der Lage, komplette Offshore-Plattformen anzuheben: Vor der Küste bei Warnemünde ist mit der „Pioneering Spirit“ eines der außergewöhnlichsten Arbeitsschiffe der Welt aufgetaucht. Wer den Giganten auf der Ostsee entdeckt hat, sieht allerdings keinen ungewöhnlichen Kreuzfahrer. Das Schiff ist für einen der spektakulärsten Arbeitseinsätze des Jahres an der deutschen Ostseeküste gekommen.

Wer am Mittwoch von der Küste westlich von Warnemünde auf die Ostsee schaute, konnte sich durchaus fragen: Was liegt denn da draußen? Die Dimensionen sind selbst für eine Region, in der große Fähren und Kreuzfahrtschiffe zum Alltag gehören, ungewöhnlich. Die Pioneering Spirit ist 382 Meter lang. Das sind fast vier Fußballfelder hintereinander. Noch erstaunlicher ist ihre Breite: 124 Meter.

Zum Vergleich: Die riesigen Kreuzfahrtschiffe der Oasis-Klasse kommen auf rund 360 Meter Länge. Die Pioneering Spirit ist also länger – und vor allem ein völlig anderes Schiff. Sie wurde nicht gebaut, um Tausende Passagiere durch die Karibik zu fahren, sondern um Dinge zu bewegen, die normalerweise kaum beweglich erscheinen.

Ein Schiff, das ganze Plattformen anheben kann

Die Pioneering Spirit gehört zum Schweizer Offshore-Unternehmen Allseas und zählt zu den leistungsfähigsten Arbeitsschiffen, die jemals gebaut wurden. Ihre Spezialität ist der Transport sowie der Ein- und Ausbau riesiger Offshore-Konstruktionen.

Dafür besitzt das Schiff unter anderem ein außergewöhnliches Hebesystem. Komplette Plattformaufbauten mit einem Gewicht von bis zu 60.000 Tonnen können damit bewegt werden. Und genau diese Fähigkeiten werden nun in der Ostsee gebraucht.

Denn die Pioneering Spirit ist nicht zufällig vor Mecklenburg-Vorpommern aufgetaucht. Sie hat einen Auftrag.

Zwei riesige Plattformen für die Ostsee

Vor dem Darß entsteht die Netzanbindung OST-6-1. Sie soll den künftigen Offshore-Windpark Gennaker mit dem deutschen Stromnetz verbinden. Ein zentraler Bestandteil sind zwei Offshore-Umspannplattformen mit den Namen OSS Darß und OSS Zingst.

Diese Plattformen werden nun mithilfe der Pioneering Spirit auf See installiert. Die Konstruktionen bestehen jeweils aus einer Stahlunterkonstruktion und dem eigentlichen Plattformaufbau. Die Plattformen werden weitgehend unbemannt betrieben und sammeln später den auf See erzeugten Strom ein, bevor er über Seekabel Richtung Festland transportiert wird.

Die Dimensionen sind gewaltig: Die Plattformaufbauten sind rund 61 Meter lang und 34 Meter breit. Für ihre Installation hat das niederländisch-belgische HSI-Konsortium Allseas beauftragt. Und Allseas schickt dafür sein außergewöhnlichstes Werkzeug: die Pioneering Spirit.

Von Rostock hinaus aufs Meer

Die einzelnen Konstruktionen werden aus dem Rostocker Hafen hinaus zur Pioneering Spirit gebracht. Nach ihrem Zwischenstopp westlich von Warnemünde soll das Arbeitsschiff Kurs auf das Seegebiet vor Fischland-Darß-Zingst nehmen. Dort beginnt Anfang Oktober die eigentliche Installation.

Die Arbeiten sollen – wenn das Wetter mitspielt – bis Ende Oktober abgeschlossen werden. Die beiden Plattformen werden etwa 15 Kilometer nördlich der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst errichtet. OSS Darß entsteht am westlichen, OSS Zingst am östlichen Rand des künftigen Windparkgebiets.

Damit beginnt ein sichtbarer neuer Abschnitt eines Projekts, das die Ostsee vor Mecklenburg-Vorpommern in den kommenden Jahren verändern wird.

63 riesige Windräder vor dem Darß

Denn die beiden Plattformen sind nur ein Teil des Ganzen. Im Windpark Gennaker sollen insgesamt 63 Windenergieanlagen der 15-Megawatt-Klasse entstehen.

Die geplante Gesamtleistung beträgt inzwischen bis zu 976,5 Megawatt. Nach Angaben des Projektentwicklers Skyborn Renewables soll der Windpark damit rechnerisch Strom für rund eine Million Haushalte erzeugen können.

Gennaker entsteht rund 15 Kilometer vor Fischland-Darß-Zingst. Der eigentliche Bau der Windkraftanlagen auf See soll 2027 beginnen. Die vollständige Inbetriebnahme ist für 2028 geplant. Die beiden Umspannplattformen werden also schon vorbereitet, bevor draußen die 63 Windräder stehen.

Die Pioneering Spirit kennt die deutsche Ostsee bereits

Besonders bemerkenswert ist allerdings, dass der riesige Spezialist nicht zum ersten Mal hier arbeitet. Die Pioneering Spirit war bereits 2018 am Bau von Nord Stream 2 beteiligt.

Damals verlegte sie Teile der umstrittenen Gaspipeline durch die Ostsee. Später beendete Allseas seine Arbeiten an dem Projekt nach der Ankündigung amerikanischer Sanktionen. Acht Jahre später ist das Schiff wieder vor Mecklenburg-Vorpommern.

Doch diesmal hat sein Auftrag nichts mit einer Gaspipeline zu tun. Stattdessen soll es Infrastruktur installieren, mit der Strom von einem der größten geplanten Offshore-Windparks der deutschen Ostsee an Land gebracht wird. Ein bemerkenswerter Wandel.

Ein kurzer Besuch – mit langfristigen Folgen

Lange wird die Pioneering Spirit voraussichtlich nicht vor Warnemünde bleiben. Ihr Zwischenstopp ist Teil eines präzise geplanten Offshore-Einsatzes. Die Plattformteile werden herangebracht, anschließend geht es hinaus zum eigentlichen Einsatzgebiet vor dem Darß. Wer das Schiff in diesen Tagen von der Küste aus entdeckt, sollte deshalb ruhig etwas genauer hinschauen.

Denn ein 382 Meter langer und 124 Meter breiter Gigant gehört selbst vor Warnemünde nicht zum alltäglichen Bild. Und diesmal ist sein Besuch mehr als nur eine maritime Kuriosität.

Die Pioneering Spirit ist gekommen, um zwei der wichtigsten Bauteile für den nächsten großen Offshore-Windpark der deutschen Ostsee an ihren Platz zu bringen.

Text: KI, Bild: Cavernia, CC0, via Wikimedia Commons

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