famila, Markant, CITTI, Bäcker Steiskal, Weinkellerei Schneekloth oder „Das Futterhaus“: Hinter erstaunlich vielen bekannten Namen im Norden steckt eine Kieler Unternehmergeschichte. Sie beginnt 1892 mit einem Bäcker, der aufgibt. Nur, um etwas Neues zu schaffen. Heute, mehr als 130 Jahre später ist daraus ein Handelsgeflecht geworden, dem man zwischen Ostsee und Nordsee kaum ausweichen kann. Die Geschichte der Familie Langness.

Kiel, 1892: Ein Bäcker macht Schluss

Es ist das Jahr 1892. Wilhelm II. ist deutscher Kaiser. Autos sind auf deutschen Straßen noch eine Sensation. Die Kieler Woche ist gerade einmal zehn Jahre alt. Hermann D. Langness trifft eine Entscheidung, die zunächst wenig nach dem Beginn einer Handelsdynastie aussieht. Er gibt seine Bäckerei auf. Keine Backwaren mehr. Statt selbst zu backen, will Langness künftig diejenigen beliefern, die backen. Er lässt sich in Kiel als Bäckereikommissionär und Großhändler für Stapelwaren nieder. So beschreibt Bartels-Langness selbst heute den Beginn seiner Unternehmensgeschichte.

Dann kommt Bartels

36 Jahre vergehen. Das Unternehmen hat den Ersten Weltkrieg, Inflation und wirtschaftliche Verwerfungen überstanden. 1928 trifft die nächste Generation eine Entscheidung, die bis heute im Firmennamen steckt. Hermann Langness, der älteste Sohn des Gründers, schließt das Unternehmen mit dem Großhändler Paul Bartels zusammen.

Aus Langness wird Bartels-Langness. Ein Name, den heute erstaunlich wenige Verbraucher kennen. Das Kürzel dagegen kennt die Branche: Bela. Doch bevor daraus einer der großen Lebensmittelhändler Norddeutschlands werden kann, kommt die Katastrophe.

Krieg. Zerstörung. Neubeginn.

Über diese Jahre erzählt die offizielle Unternehmenschronik auffallend wenig. Nach dem Krieg beginnt eine neue Phase. In den 1950er-Jahren baut Bartels-Langness sein Großhandelsgeschäft massiv aus und entwickelt sich zum regionalen Marktversorger. Und die Familie beginnt, über Lebensmittel hinauszudenken. 1950 übernimmt das Unternehmen P. Schneekloth Söhne.

Das Weinhandelshaus selbst ist sogar noch älter als Bartels-Langness. Es stammt aus dem Jahr 1816. Damit passiert etwas, das später typisch für Bela werden wird: Die Familie baut nicht eine einzige große Marke auf. Sie sammelt Geschäfte, Marken, Beteiligungen und Vertriebswege – und lässt viele davon unter ihrem eigenen Namen weiterleben. Für die Kunden bleibt die Familie dahinter fast unsichtbar.

Dann verändert sich Deutschland

In den 1960er- und 70er-Jahren bekommt der traditionelle Lebensmittelhandel einen Gegner, der gnadenlos ist: den modernen Supermarkt. Selbstbedienung ersetzt die Bedienung über den Ladentisch. Die Menschen besitzen Autos. Sie kaufen größere Mengen. Die Verkaufsflächen wachsen. Für die alten Großhändler ist das gefährlich. Denn plötzlich werden ihre eigenen Kunden – die kleinen Lebensmittelgeschäfte – von immer größeren Märkten bedrängt. Bartels-Langness muss sich entscheiden: Zuschauen? Oder selbst auf die große Fläche gehen? Die Kieler entscheiden sich für Angriff.

1973: Ein riesiger Markt am Stadtrand

Gemeinsam mit Paulsen und Hochfeld entsteht in Kiel ein neues Projekt. Der CITY-GROSSMARKT. 1973 öffnet der Cash-&-Carry-Markt auf jenem Gelände, auf dem heute der CITTI-PARK Kiel steht. Der Name CITY wird später zu CITTI. Und damit beginnt jene Verbindung, die bis heute viele Kunden überrascht: Bartels-Langness ist an CITTI beteiligt.

Noch heute führt das Kieler Familienunternehmen die „Beteiligung an der CITTI-Handelsgesellschaft“ ganz selbstverständlich in seiner Unternehmensübersicht auf. Doch damit nicht genug. Nur ein Jahr nach der CITTI-Gründung wagt die Familie den nächsten Schritt. Und diesmal greift sie den Einzelhandel direkt an.

Eutin, 1974: Jetzt verkauft die Familie selbst

Das erste famila-Warenhaus von Bartels-Langness eröffnet in Eutin. Ein Name, der im Norden einmal allgegenwärtig werden soll. Der Sprung ist gewaltig. Aus dem Großhändler, der andere Geschäfte beliefert, wird selbst ein großer Einzelhändler. Das ist durchaus heikel. Denn Bartels-Langness lebt gleichzeitig davon, selbstständige Kaufleute zu beliefern. Nun betreibt das Unternehmen eigene Warenhäuser.

Der Lieferant wird zum Händler. Und potenziell zum Konkurrenten seiner eigenen Kunden. Die Lösung ist typisch für die spätere Bela: beides machen.

Heute betreibt die Gruppe rund 120 famila-Warenhäuser und Markant-Märkte – und beliefert gleichzeitig mehr als 1.500 selbstständige Einzelhändler und Kaufleute in Deutschland. Aus dem scheinbaren Widerspruch ist ein Geschäftsmodell geworden. Und plötzlich fällt die Mauer. 1989 bricht die DDR zusammen. Für westdeutsche Handelsunternehmen öffnet sich praktisch über Nacht ein neuer Markt. Bartels-Langness reagiert schnell.

Geschichte für die gesamte Ostseeküste

Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung gehören bereits 21 famila-Standorte zur Gruppe. Danach expandiert das Unternehmen nach Mecklenburg-Vorpommern. Damit wird aus der Kieler Geschichte endgültig eine Geschichte der gesamten Ostseeküste. famila taucht in Städten auf, in denen kurz zuvor noch HO und Konsum den Lebensmittelhandel bestimmt hatten.

Das Unternehmen baut seine Logistik aus. Wittenhagen bei Stralsund wird zu einem wichtigen Standort. Der Westen liefert in den Osten – und baut dort gleichzeitig sein eigenes Geschäft auf.

Familie kauft nicht nur Supermärkte

In den 1990er-Jahren beginnt eine Einkaufstour ganz anderer Art. Bartels-Langness beteiligt sich am Bäckereigroßhandel. 1996 kommt die norddeutsche Bäckerei Steiskal zur Gruppe. 1999 beteiligt sich Bela an Das Futterhaus. Später kommt Logipet hinzu.

Wein. Brot. Tierfutter. Supermärkte. Großhandel. Logistik. Und im Hintergrund die Beteiligung an CITTI. Wer versucht, Bartels-Langness als einfache Supermarktkette zu beschreiben, hat das Geschäftsmodell nicht verstanden. Es ist ein Netz.

Dann stehen plötzlich Tengelmann-Märkte zum Verkauf

Im Jahr 2000 ergibt sich eine Gelegenheit. Tengelmann gibt 25 Magnet-Märkte in Norddeutschland ab. Bartels-Langness greift zu. 25 Märkte auf einmal. Die Magnet-Schilder verschwinden. Bis 2002 werden die Standorte auf famila und Markant umgestellt. Wo vorher ein Konkurrent stand, steht jetzt die eigene Marke.

Es ist ein Muster, das sich wiederholen wird. Als Jahre später die Neuordnung der coop-Märkte in Schleswig-Holstein ansteht und das Bundeskartellamt bei der Übernahme durch Rewe Bedenken hat, ist Bela wieder da.

2016 übernimmt die Gruppe zehn Standorte. Einige werden famila. Andere Markant. Die Umrüstung soll teilweise innerhalb eines einzigen Wochenendes erfolgen. Freitag ein anderer Händler. Montag Bela. So sieht Expansion im Lebensmittelhandel aus. Das Erstaunliche: Kaum jemand kennt die Familie dahinter

Heute kann ein Norddeutscher morgens Brötchen bei Steiskal kaufen. Danach bei famila Lebensmittel einkaufen. Eine Flasche Wein von Schneekloth mitnehmen. Hundefutter bei Das Futterhaus kaufen. Später durch einen CITTI-PARK laufen. Und bei jedem dieser Geschäfte einer Unternehmenswelt begegnen, die mit Bartels-Langness verbunden ist.

Nur der Name Langness taucht dabei fast nirgendwo groß an der Fassade auf. Vielleicht ist genau das der bemerkenswerteste Teil dieser Geschichte. Andere Unternehmer bauen ihren Familiennamen zur Marke aus. Bei Bartels-Langness geschieht fast das Gegenteil. Die Marken werden berühmt. Die Familie bleibt dahinter.

Mehr als 130 Jahre – und immer noch Familie

Aus dem Bäcker Hermann D. Langness, der 1892 seine Backstube aufgab, ist über vier Generationen eine der großen norddeutschen Handelsgruppen geworden. Bartels-Langness beschreibt sich selbst weiterhin als inhabergeführtes Familienunternehmen. Und die Geschichte geht weiter. 2024 kündigten Bartels-Langness und der Eckernförder Getränkehersteller Behn ein neues gemeinsames Unternehmen an: die GLN Getränkelogistik Nord.

Eine bemerkenswerte Partnerschaft. Denn Behn wurde ebenfalls 1892 gegründet. Zwei norddeutsche Familienunternehmen. Beide mehr als 130 Jahre alt. Nun bauen sie gemeinsam eine neue Getränkelogistik auf, die 2026 operativ starten soll. Damit schließt sich fast ein Kreis.

1892 begann Hermann D. Langness damit, Waren für andere Händler zu beschaffen. 2026 organisiert das Unternehmen, das daraus entstanden ist, noch immer Warenströme für andere. Nur die Dimensionen haben sich verändert. Aus dem Bäckerkommissionär ist ein Handelskonzern geworden. Aus einer Kieler Firma ein Netz aus Supermärkten, Warenhäusern, Großhandel, Logistik, Bäckereien, Wein und Beteiligungen. Und wahrscheinlich liegt das Erfolgsgeheimnis ausgerechnet darin, dass auf kaum einem dieser Geschäfte groß Langness steht. Denn wer in Norddeutschland einkaufen geht, muss den Namen der Familie gar nicht kennen.

Es reicht, dass die Familie seine Gewohnheiten kennt.

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