Kaum ist es warm, ist es wieder da: das Wort „Vibrionen“. Und mit ihm die immer gleichen reißerischen Artikel, die von „Todesfalle sprechen und vor Bakterien warnen. Doch ist unsere liebe Ostsee wirklich so gefährlich?

Jeden Sommer das gleiche Spiel: Kaum klettert das Wasser über 20 Grad, überschlagen sich Portale mit Schlagzeilen über gefährliche Bakterien in der Ostsee. Da ist von „Todesfalle“ die Rede, von Warnungen, die den unbeschwerten Sprung ins Meer vermiesen. Wer das liest, könnte meinen, an unserer Küste lauere gerade eine ernsthafte Gefahr für jeden, der auch nur einen Zeh ins Wasser hält. Das Problem: Das stimmt so einfach nicht.

Was Panikmache ist und was die Behörden wirklich sagen

Schauen wir uns an, was die zuständigen Behörden tatsächlich sagen – nicht die Boulevard-Überschrift, sondern die Quelle. Die Stadt Kiel hat Anfang Juli tatsächlich vor Vibrionen gewarnt. Und ja, das ist natürlich eine ernstzunehmende Meldung. Nur eben eine sehr spezifische. Denn die Badegewässer in Schleswig-Holstein gelten nach Angaben des Gesundheitsministeriums weiterhin als einwandfrei. Niemand muss deshalb sein Handtuch zusammenpacken und dem Strand fernbleiben.

Die eigentliche Kernaussage der Warnung ist überschaubar: Für gesunde Menschen sind Vibrionen meist harmlos. Ein Risiko besteht ausschließlich für eine ganz bestimmte, kleine Gruppe – nämlich für Menschen mit offenen, frischen oder größeren Wunden. Bei ihnen können die Bakterien über die verletzte Haut in den Körper gelangen. Das ist der ganze Umfang der Gefahr.

Wer frische offene Wunden hat, der sollte überhaupt nirgendwo hingehen, sondern die Wunde desinfizieren und abdecken. Solche Menschen haben weder in der Ostsee etwas verloren, noch sollten sie ihre offenen Wunden zu sehr der Luft aussetzen. Keimfallen im Haushalt sind allein schon die Berührungen mit den Händen – wenn diese nicht desinfiziert sind.

Vibrionen kommen in allen Naturgewässern vor

Vibrionen kommen völlig natürlich in der Ostsee vor – sie mögen es warm und mögen den vergleichsweise geringen Salzgehalt unseres Meeres. Das ist ein biologisches Grundprinzip, das jeden Sommer aufs Neue eintritt, sobald die Wassertemperatur steigt. Genau das macht die Bakterien zu einem verlässlichen Sommerthema für Redaktionen, die auf der Suche nach einer griffigen Schlagzeile sind.

Vibrionen kommen in allen Naturgewässern vor. Andere Gewässer sind da also noch gefährlicher, weil deren Temperaturen in der Regel höher liegen, als die vergleichweise kühle Ostsee. Wer Angst davor hat, der sollte nicht in der Ostsee baden, ebenso nicht wie in anderen Seen oder Flüssen. Für solche Menschen ist die heimische Badewanne dann wohl Meer genug. Aber nicht zu weit rausschwimmen und Rettungsweste an! Es könnte ja sonst was passieren.

Menschen mit großen offenen Wunden haben in der Ostsee nichts verloren

Für die überwältigende Mehrheit der Badegäste ändert sich durch die jährliche Vibrionen-Meldung: nichts. Wer gesund ist und keine offenen Wunden hat, kann bedenkenlos ins Wasser. Die einzige sinnvolle Konsequenz betrifft eine überschaubare Gruppe: Wer eine frische, größere oder schlecht verheilte Wunde hat, sollte sich auch aus Rücksicht auf andere aus dem Wasser heraushalten, bis sie abgeheilt ist. Es ist nämlich für die anderen Badegäste weitaus unangenehmer, wenn solche Leute baden gehen.

Und für alle anderen gilt: Handtuch ausbreiten, Sonnencreme auftragen und rein ins kühle Nass. Die Ostsee wartet.


Quellen: Stadt Kiel, Gesundheitsministerium Schleswig-Holstein, dpa.


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