Mecklenburg-Vorpommern meldet gute Tourismuszahlen. Doch hinter den 4,8 Millionen Gästen steckt ein Problem: Das Urlaubsland lebt fast ausschließlich von Deutschen. Es kommen zu wenige Ausländer. Dabei sagt die Tourismusbranche selbst, dass weiteres Wachstum vor allem aus dem Ausland kommen muss. Nur: Viele Gastgeber sind darauf überhaupt nicht vorbereitet.

4,8 Millionen Gäste kamen von Januar bis Juli nach Mecklenburg-Vorpommern – 4,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Eigentlich ein Grund zur Zufriedenheit. Schließlich ist Urlaub ein Luxusgut. Gut, wer es sich leistet und sein Geld an die Ostsee bringt. Das finanziert die Gemeinden vor Ort. Viele Einrichtungen, wie Läden und Gastronomie lohnen sich in der ansonsten bevölkerungsschwachen Gegend. Eine Win-Win-Situation: zufriedene Gäste, zufriedene Gastgeber.

Das ist gut für Mecklenburg-Vorpommern. Heute. Denn es gibt ein Problem, das sich nicht wegdiskutieren lässt: Die deutschen Ostseeurlauber werden älter. Bei der großen Gästebefragung 2022/23 lag das Durchschnittsalter der MV-Urlauber bereits bei knapp 55 Jahren – rund sieben Jahre höher als noch 2009/10. Die heute besonders wichtige Generation der Babyboomer ist damit in zehn Jahren im Rentenalter und in zwanzig Jahren vielfach über 70. Gleichzeitig sind die nachfolgenden deutschen Jahrgänge kleiner.

Das ist für MV ein großes Problem. Keine andere EU-Region mit mehr als einer Million Übernachtungen war 2024 so stark von Gästen aus dem eigenen Land abhängig wie Mecklenburg-Vorpommern. 96,7 % Inländeranteil heißt im Umkehrschluss: Nur rund 3,3 % der Übernachtungen in Mecklenburg-Vorpommern stammen von Menschen mit Wohnsitz im Ausland. Und dabei liegt diese Region mitten in Europa. Bei den Nachbarn in Dänemark und Schweden ist der Ausländeranteil viel höher – obwohl Landschaft und Region vergleichbar sind. Dänemark hat vor allem gelernt, wie man mit ausländischen Gästen Geschäfte macht. Schweden dagegen zeigt, wie ein wirklich internationaler Gästemix aussehen kann. Mecklenburg-Vorpommern hat bislang weder das eine noch das andere geschafft.

Das heißt nicht, dass der Ostsee morgen die Urlauber ausgehen. Aber es macht die starke Abhängigkeit vom deutschen Stammgast riskanter: MV muss in den kommenden Jahren nicht nur jüngere Gäste gewinnen, sondern auch neue Herkunftsmärkte und andere Milieus erschließen. Wenn die Ostsee heute von Deutschen lebt, wird sie das in zehn bis zwanzig Jahren nicht mehr.

Das Problem: MV braucht mehr ausländische Gäste – ist aber vielerorts gar nicht auf sie eingestellt. Nötig ist ein Kulturwandel.

Nur rund 40 Prozent der aktuell befragten Gastgeber halten überhaupt besondere Angebote für internationale Gäste bereit. Und selbst bei diesen Betrieben haben nur 42 Prozent eine mehrsprachige Internetseite. Mehrsprachige Speisekarten gibt es gerade einmal bei 27 Prozent.

Wie anders das geht, erleben Deutsche jedes Jahr selbst im Urlaub. Wer in Dänemark ein Ferienhaus sucht, findet deutsche Buchungsseiten, deutsche Hausbeschreibungen und Informationen auf Deutsch. An der niederländischen Küste weiß man ebenfalls, wie wichtig deutsche Urlauber sind. In Südtirol gehören mehrere Sprachen ganz selbstverständlich zum Tourismus.

Das ist keine besondere Freundlichkeit. Das ist Geschäft. Wer das Geld ausländischer Gäste möchte, macht ihnen den Urlaub so angenehm und einfach wie möglich.

Mecklenburg-Vorpommern musste das lange nicht. Die Deutschen kamen auch so. Rügen, Usedom, Darß oder Kühlungsborn sind seit Generationen klassische deutsche Urlaubsziele. Solange Hotels und Ferienwohnungen mit Gästen aus Berlin, Sachsen, Brandenburg, Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen voll wurden, bestand wenig Grund, sich zusätzlich in Amsterdam, Kopenhagen oder Zürich um Kunden zu bemühen.

Doch genau diese Abhängigkeit kann zum Problem werden. Wer fast nur von deutschen Urlaubern lebt, hängt auch fast vollständig von deren Reiseverhalten ab. Schwächelt dieser Markt, fehlen andere Gästegruppen, die einspringen können. Außerdem könnten ausländische Gäste helfen, Betten und Restaurants außerhalb der deutschen Hauptferienzeiten zu füllen.

Das Land hat das erkannt und wirbt inzwischen gezielt in den Niederlanden und Polen, in Skandinavien sowie in Österreich und der Schweiz. Doch Werbung allein reicht nicht.

Wer einen Niederländer mit einer Kampagne nach Rügen lockt und ihn anschließend auf eine rein deutsche Internetseite schickt, hat das Prinzip nicht verstanden.

Die Geschichte trifft trotzdem einen Punkt: Dänemark möchte deutsche (also in dem Fall ausländische) Urlauber. Und man merkt es. Mecklenburg-Vorpommern möchte jetzt ebenfalls mehr internationale Gäste. Dann muss ein Niederländer, Däne oder Schweizer auch merken, dass er gemeint ist. Die Ostsee braucht dafür keine neuen Strände. Sie muss endlich anfangen, mit dem Rest Europas zu reden.

Ansonsten werden an der Ostsee irgendwann „die Lichter ausgehen“. Das wird sogar den ein oder anderen freuen, der nicht vom Tourismus lebt und sich über volle Straßen und zu viele Gäste ärgert. Wenn der Supermarkt in der Nähe dann aber wegzieht, die Straßen auf Jahrzehnte nicht saniert werden und der Lieblingsgrieche schon lange geschlossen hat, werden alle Einheimischen merken, dass jeder vom Ökosystem Tourismus profitiert. Dann ist es aber zu spät.


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