Kreuzfahrtschiffe bringen Hunderttausende Gäste nach Mecklenburg-Vorpommern. Kiel kommt sogar auf mehr als eine Million Kreuzfahrtpassagiere im Jahr. Doch was hat die Region eigentlich von Kreuzfahrten an der Ostsee? Ein Blick auf Warnemünde und Kiel zeigt: Die Zahl der Passagiere allein sagt erstaunlich wenig über den wirtschaftlichen Nutzen aus.

Wenn ein großes Kreuzfahrtschiff morgens in Warnemünde festmacht, verändert sich das Bild des Ortes innerhalb kurzer Zeit. Tausende Passagiere gehen von Bord, laufen durch Warnemünde, fahren nach Rostock oder steigen in Busse und Züge zu weiter entfernten Ausflugszielen. Das ist der sichtbare Teil des Kreuzfahrttourismus. Der wirtschaftlich größere Teil spielt sich teilweise ganz woanders ab.

Wie wichtig das Geschäft inzwischen geworden ist, zeigte gerade die MV Cruise Net Conference 2026 in Warnemünde. Mehr als 60 Vertreter aus Wirtschaft, Tourismus, Politik und maritimer Industrie trafen sich dort am Montag. Das Land fördert das neu gegründete MV Cruise Net in den kommenden drei Jahren mit rund 230.000 Euro.

Allein Rostock zählte 2025 knapp 600.000 Kreuzfahrtpassagiere. Wismar und Stralsund kommen hinzu. Für die laufende Saison sind in Warnemünde nach Angaben von Rostock Port 162 Anläufe von 34 Kreuzfahrtschiffen angemeldet. Mehr als eine halbe Million Passagiere sollen 2026 an oder von Bord gehen. Das ist viel. Doch rund 200 Kilometer weiter westlich ist das Geschäft noch einmal deutlich größer.

Kiel spielt in einer anderen Größenordnung

Der Kieler Hafen meldete für 2025 187 Kreuzfahrtanläufe mit 1,11 Millionen Passagieren. Für 2026 rechnet der Port of Kiel sogar mit 212 Anläufen und etwa 1,2 Millionen Passagieren. Damit ist Kiel einer der großen Kreuzfahrthäfen Nordeuropas.

Für den wirtschaftlichen Vergleich mit Warnemünde ist aber etwas anderes wichtiger als die reine Passagierzahl: Kiel ist in hohem Maße Start- und Zielhafen. Das macht einen erheblichen Unterschied.

Wer während einer Kreuzfahrt für einige Stunden in einem Hafen anlegt, kauft vielleicht ein, besucht ein Restaurant oder Café oder bucht einen Ausflug. Wer dagegen seine Kreuzfahrt in Kiel beginnt, muss erst einmal dorthin kommen. Manche Gäste reisen einen Tag früher an, benötigen ein Hotelzimmer oder stellen ihr Auto für die Dauer der Reise ab. Dadurch entsteht zusätzliche Wertschöpfung, bevor das Schiff überhaupt abgelegt hat.

29 Millionen Euro durch Passagiere und Besatzungen in Kiel

Wie viel das ausmacht, hat das Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa untersucht. Für eine Passagier- und Crewbefragung im Kieler Hafen wurden 2023 insgesamt 1.092 Passagiere und 396 Besatzungsmitglieder befragt. Das Ergebnis: Die Ausgaben von Passagieren und Crew sorgten für einen Bruttoumsatz von rund 29 Millionen Euro in Kiel.

Nur etwas mehr als ein Drittel davon entfiel auf die üblichen Tagesausgaben. Jeweils knapp ein weiteres Drittel entstand durch Hotelübernachtungen vor und nach der Reise sowie durch Parkplätze. Allein die Kieler Hotellerie erzielte nach der Untersuchung rund zehn Millionen Euro Umsatz mit diesen Gästen. Werden Übernachtungen im übrigen Schleswig-Holstein und in Hamburg hinzugerechnet, kommen weitere 5,4 Millionen Euro hinzu.

Das zeigt, warum es für eine Region wirtschaftlich einen großen Unterschied macht, ob Kreuzfahrtschiffe lediglich einen Zwischenstopp einlegen oder ob Passagiere dort ihre Reise beginnen und beenden.

Beim Landgang bleiben die Ausgaben überschaubar

Der einzelne Kreuzfahrtgast ist während eines Landgangs dagegen nicht unbedingt der große Geldbringer. In Kiel gaben Passagiere während ihres Aufenthalts durchschnittlich 14,40 Euro pro Person und Tag für Gastronomie, Einkäufe und andere Dinge aus. Bei reinen Stopover-Gästen waren es immerhin 24,53 Euro. Bemerkenswert sind dagegen die Besatzungen. Crewmitglieder gaben während ihres Aufenthalts durchschnittlich gut 57 Euro aus. Für Warnemünde liegen ebenfalls Zahlen vor, allerdings sind sie älter und deshalb mit den Kieler Ergebnissen nicht unmittelbar vergleichbar.

Eine Untersuchung des NIT ermittelte schon 2018 bei Transitpassagieren mit Aufenthalt in Rostock und Warnemünde durchschnittlich rund 43 Euro Ausgaben pro Person. Reisewechselpassagiere kamen auf etwa 58 Euro und Crewmitglieder auf rund 55 Euro. Für 2018 errechneten die Forscher daraus einen wirtschaftlichen Effekt von 45,9 Millionen Euro für Rostock und Mecklenburg-Vorpommern. Für 2019 wurden 43,3 Millionen Euro hochgerechnet. Die damalige Untersuchung ist bei Rostock Port dokumentiert. Gerade weil diese Zahlen inzwischen einige Jahre alt sind, wird derzeit erneut untersucht, wie sich Passagiere und Besatzungen in Warnemünde verhalten.

Und dann sind da plötzlich 400 Millionen Euro

Wer nach der wirtschaftlichen Bedeutung der Kreuzfahrt in Mecklenburg-Vorpommern sucht, stößt allerdings noch auf eine ganz andere Zahl: 400 Millionen Euro. Das klingt zunächst, als würden Kreuzfahrturlauber jedes Jahr Hunderte Millionen Euro in Restaurants, Geschäften und Hotels des Landes lassen. Das tun sie nicht.

Die Zahl stammt aus einer landesweiten Untersuchung zur wirtschaftlichen Bedeutung der Kreuzfahrt. Untersucht wurde dort die Angebotsseite – also Unternehmen, die unmittelbar oder mittelbar am Kreuzfahrtgeschäft beteiligt sind.

Dazu gehören nicht nur Häfen und Reiseanbieter, sondern beispielsweise auch Reedereien, Werften, Schiffsmakler, Logistiker, Treibstofflieferanten, Reparaturbetriebe und Unternehmen, die Schiffe mit Lebensmitteln und anderen Waren versorgen.

Allein die Reedereien in Mecklenburg-Vorpommern erzielten der Untersuchung zufolge 2023 rund 149 Millionen Euro kreuzfahrtbezogenen Umsatz. In den Betrieben mit unmittelbarer Beteiligung am Kreuzfahrttourismus summierte sich der Umsatz auf rund 400 Millionen Euro.

Das ist ein völlig anderer Blick auf die Kreuzfahrt als die Frage, wie viel ein Passagier beim Landgang für Fischbrötchen, Kaffee oder Souvenirs ausgibt.

Mecklenburg-Vorpommern profitiert auch hinter den Kulissen

Gerade darin liegt eine Besonderheit des Nordostens. AIDA Cruises hat seinen Unternehmenssitz in Rostock. Dazu kommen Hafenwirtschaft, Werften, Logistik und zahlreiche maritime Dienstleister.

Die landesweite Untersuchung weist mindestens 2.800 Vollzeitäquivalente in den teilnehmenden Unternehmen mit unmittelbarer oder enger Beteiligung an der Kreuzfahrt aus. Die tatsächliche Gesamtzahl liegt laut Studie höher, weil nicht sämtliche beteiligten Unternehmen erfasst wurden.

Die wirtschaftliche Bedeutung der Kreuzfahrt für Mecklenburg-Vorpommern lässt sich deshalb nicht allein an Warnemünde messen. Kiel hat deutlich mehr Kreuzfahrtpassagiere. Mecklenburg-Vorpommern hat dafür einen Teil der Kreuzfahrtindustrie selbst im Land.

Warnemünde hat noch einen Vorteil

Für den Ort selbst ist eine andere Zahl interessant. Nach Angaben der an der MV-Studie beteiligten Reedereien unternehmen 87 Prozent der Passagiere, die während eines Aufenthalts von Bord gehen, ihren Landgang individuell. Nur 13 Prozent nutzen organisierte Angebote. Das ist für Warnemünde und Rostock nicht unwichtig.

Wer selbst loszieht, entscheidet auch selbst, wo er einen Kaffee trinkt, zu Mittag isst oder einkauft. Das Geld verteilt sich damit anders, als wenn ein kompletter Tagesausflug bereits über die Reederei organisiert und bezahlt wurde. Und die Lage hilft: In Warnemünde liegt das Kreuzfahrtterminal praktisch mitten im Ort.

Ähnlich ist es in Kiel. Dort verbringen Stopover-Passagiere, die individuell unterwegs sind, nach der Kieler Passagierbefragung durchschnittlich 3,7 Stunden auf eigene Faust in der Stadt.

Aus Kreuzfahrtgästen können Ostseeurlauber werden

Noch schwerer lässt sich ein anderer Effekt messen. Für einen internationalen Kreuzfahrtgast kann Warnemünde der erste Kontakt mit Mecklenburg-Vorpommern sein. Und auch ein deutscher Kreuzfahrtpassagier, der seine Reise in Kiel beginnt, lernt die Stadt möglicherweise erstmals kennen. In Kiel gaben 48 Prozent der Befragten an, innerhalb der kommenden drei Jahre wiederkommen zu wollen.

Das ist zunächst nur eine Absichtserklärung und keine gebuchte Reise. Trotzdem zeigt sie, dass ein Kreuzfahrtanlauf auch touristisches Marketing sein kann. Für Mecklenburg-Vorpommern wäre genau diese Frage interessant: Wie viele der Kreuzfahrtgäste kommen später tatsächlich für einen normalen Ostseeurlaub zurück? Belastbare aktuelle Zahlen dazu gibt es bislang nicht.

Der wirtschaftliche Nutzen hat auch seinen Preis

Zur Bilanz gehört allerdings auch die Infrastruktur. Große Kreuzfahrtschiffe benötigen Terminals, Liegeplätze, Verkehrsflächen und Energie. Gleichzeitig steht die Branche wegen ihrer Emissionen seit Jahren unter Druck. In beiden Häfen wird deshalb massiv in Landstrom investiert.

Kiel hat nach Angaben des Hafens mehr als 50 Millionen Euro in seine Landstromanlagen investiert. Inzwischen können dort drei Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig während ihrer Liegezeit mit Strom vom Land versorgt werden. Für 2026 strebt der Hafen bei Fähr- und Kreuzfahrtschiffen eine Landstromquote von 75 Prozent an.

Auch Warnemünde verfügt über eine Landstromanlage. In den vergangenen beiden Jahren konnte nach Angaben von Rostock Port bereits etwa die Hälfte der Kreuzfahrtanläufe während der Hafenliegezeit mit Landstrom versorgt werden. 2026 soll der Anteil weiter steigen.

Das reduziert Emissionen im Hafen. Die Umweltbelastung während der eigentlichen Kreuzfahrt löst Landstrom natürlich nicht.

Kiel hat die Masse – MV einen Teil der Industrie

Am Ende fällt der Vergleich weniger eindeutig aus, als es die Passagierzahlen vermuten lassen.

Kiel ist mit mehr als einer Million Kreuzfahrtpassagieren der deutlich größere Standort. Besonders wertvoll ist dort die Rolle als Start- und Zielhafen. Hotels, Parkplätze, Bahn, Gastronomie und Einzelhandel profitieren davon.

Warnemünde kommt auf deutlich weniger Passagiere. Mecklenburg-Vorpommern besitzt dafür etwas, das in der reinen Hafenstatistik kaum sichtbar wird: einen erheblichen Teil der Wertschöpfungskette der Kreuzfahrtindustrie im eigenen Land.

Deshalb greift auch die oft gestellte Frage zu kurz, wie viel Geld ein Kreuzfahrtgast während seines Landgangs ausgibt.

Entscheidend ist, was rund um das Schiff passiert: Wer betreibt es? Wo wird es versorgt? Wer wartet und repariert es? Wo übernachten die Passagiere vor der Abfahrt? Wie reisen sie an? Und was unternehmen sie, wenn sie an Land gehen?

Erst wenn all das zusammengezählt wird, zeigt sich, was Kreuzfahrttourismus für eine Region tatsächlich bedeutet.

Und genau darin unterscheiden sich Kiel und Mecklenburg-Vorpommern: Kiel profitiert vor allem von seiner Größe und seiner Funktion als Reisewechselhafen. Mecklenburg-Vorpommern zusätzlich davon, dass ein Teil des Kreuzfahrtgeschäfts selbst dort zu Hause ist.

Text und Bild: KI


Cookie Consent mit Real Cookie Banner