Generationen von Küstenfischern lebten vom Hering. Im Frühjahr kamen die Schwärme zum Laichen bis dicht unter die Küste, Angler standen an Brücken und Hafenmolen und der silbrig glänzende Fisch gehörte zur Ostsee wie Möwen und Strandkörbe. Doch ausgerechnet dieser vermeintlich unerschöpfliche Massenfisch steckt in Schwierigkeiten. Jetzt will die EU die Fischerei noch stärker einschränken. Das eigentliche Problem liegt allerdings tiefer: Dem Hering fehlt seit Jahren der Nachwuchs.
Wer im Frühjahr einmal in Stralsund, auf Rügen oder an einem der traditionellen Heringsplätze an der Ostsee unterwegs war, kennt das Bild: Ruten stehen dicht an dicht, Eimer werden gefüllt und irgendwo brutzeln die ersten Heringe des Jahres in der Pfanne.
Der Hering war nie der spektakulärste Fisch der Ostsee. Aber vielleicht der typischste. Und genau dieser Fisch ist inzwischen zum Sorgenkind geworden.
Die Europäische Kommission hat am 24. August ihre Vorschläge für die Fangmengen 2027 vorgelegt. Für den Hering der westlichen Ostsee sollen die Regeln noch einmal deutlich verschärft werden. Die zulässige Menge für unvermeidbare Beifänge soll um 45 Prozent sinken. Noch einschneidender für die Küstenfischer: Die bisherige Ausnahme, nach der kleine Betriebe in Küstennähe noch gezielt Hering fangen dürfen, soll 2027 wegfallen. Die endgültige Entscheidung treffen die EU-Staaten im Herbst. Die Vorschläge der EU-Kommission finden Sie hier.
Hinter den drastischen Vorschlägen steckt eine Zahl, die eigentlich alles sagt: Der Internationale Rat für Meeresforschung ICES empfiehlt für den westlichen Ostseehering für 2027 und 2028 einen Fang von null Tonnen.
Null.
Wie konnte es bei einem Fisch, der früher in gewaltigen Schwärmen durch die Ostsee zog, so weit kommen?
Das Problem beginnt im Kindergarten der Heringe
Die Geschichte des Herings beginnt nicht draußen auf der offenen Ostsee, sondern in vergleichsweise flachen Küstengewässern.
Eines der wichtigsten Laichgebiete ist beispielsweise der Greifswalder Bodden bei Rügen. Im Frühjahr kommen die erwachsenen Heringe aus ihren Überwinterungsgebieten hierher. Ihre klebrigen Eier haften an Wasserpflanzen und anderen Strukturen im flachen Wasser.
Für die winzigen Heringslarven waren solche Gebiete lange eine ziemlich perfekte Kinderstube.
Doch genau dort läuft inzwischen etwas schief.
Wissenschaftler des Thünen-Instituts für Ostseefischerei beobachten die Entwicklung seit vielen Jahren. Seit ungefähr 2004 kommt immer weniger Heringsnachwuchs durch.
Lange lag der Verdacht nahe, dass vor allem zu viel gefischt wurde. Tatsächlich spielte die Fischerei eine erhebliche Rolle. Die Fangmengen wurden deshalb massiv reduziert – allein zwischen 2017 und 2021 um 94 Prozent.
Eigentlich müsste sich ein Fischbestand unter solchen Bedingungen irgendwann erholen.
Beim Hering passiert das aber nur sehr langsam.
Der Grund dafür ist ausgesprochen interessant.
Der Frühling kommt für den Hering zu früh
Der Klimawandel bringt den fein abgestimmten Zeitplan der Natur durcheinander.
Nach milden Wintern beginnt der Hering früher zu laichen. Seine Larven schlüpfen entsprechend früher.
Das Problem: Ihre Nahrung hält sich nicht unbedingt an denselben neuen Kalender.
Die winzigen Heringslarven ernähren sich von Zooplankton. Und dessen Entwicklung hängt nicht allein von der Wassertemperatur ab, sondern unter anderem vom Licht und von anderen Umweltbedingungen.
Der Nachwuchs ist also früher da – sein Frühstück aber nicht unbedingt.
Forscher sprechen dabei von einem sogenannten Mismatch: Räuber und Beute, die über lange Zeit zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren, verpassen sich zunehmend.
Für eine ausgewachsene Möwe wäre ein paar Tage später serviertes Frühstück kein Problem.
Für eine wenige Millimeter große Heringslarve kann es tödlich sein.
Neue Untersuchungen des Thünen-Instituts zeigen zudem, dass die Menge geeigneter Beutetiere für Heringslarven im Greifswalder Bodden seit 2013 stark zurückgegangen ist.
Das erklärt, warum selbst drastisch reduzierte Fangquoten den Bestand nicht automatisch wieder auf frühere Größen anwachsen lassen.
Die Ostsee selbst verändert sich
Der Hering zeigt damit sehr anschaulich, was sich in der Ostsee gerade verändert.
Das Meer wird wärmer. Gleichzeitig leidet es weiterhin unter zu vielen Nährstoffen, Sauerstoffmangel in tieferen Bereichen und Veränderungen seiner Lebensgemeinschaften.
Für Urlauber sind manche Folgen sichtbar – etwa ungewöhnlich warmes Wasser oder Blaualgenblüten.
Andere Veränderungen spielen sich nahezu unbemerkt unter der Wasseroberfläche ab.
Beim Hering treffen mehrere Probleme zusammen: frühere Überfischung, Klimawandel, veränderte Nahrungsbedingungen und Veränderungen der küstennahen Lebensräume.
Deshalb lässt sich sein Problem auch nicht einfach dadurch lösen, dass weniger Fischer aufs Meer fahren.
Küstenfischer fragen: Warum immer wir?
Genau an diesem Punkt beginnt der politische Streit.
Schleswig-Holsteins Landwirtschaftsministerin Cornelia Schmachtenberg lehnt die von Brüssel vorgeschlagenen zusätzlichen Einschränkungen ab.
Ihr Argument: Die heimische Küstenfischerei sei bereits massiv eingeschränkt worden. Gleichzeitig werde ein erheblicher Teil des westlichen Ostseeherings außerhalb deutscher Gewässer gefangen. Außerdem beeinflussten weitere Faktoren wie Umweltbedingungen und nach Ansicht der Ministerin auch gewachsene Räuberpopulationen – insbesondere Kormorane – die Bestände.
Der Konflikt ist nachvollziehbar.
Auf der einen Seite steht ein Heringsbestand, den die Wissenschaft weiterhin als zu klein bewertet.
Auf der anderen Seite stehen die letzten verbliebenen Küstenfischer, deren Fangmengen bereits drastisch zusammengestrichen wurden.
Und irgendwo dazwischen liegt die Frage, wie viel traditionelle Fischerei an der deutschen Ostseeküste überhaupt noch übrig bleibt, wenn selbst Hering und Dorsch kaum noch gefangen werden dürfen.
Ist der Hering also bald weg?
Nein.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Der Hering verschwindet nicht vollständig aus der Ostsee. Und auch nicht überall entwickelt sich der Bestand gleich schlecht.
In anderen Teilen der Ostsee sieht die Situation sogar besser aus. Für den Hering in der mittleren Ostsee schlägt die EU-Kommission für 2027 beispielsweise eine deutliche Erhöhung der Fangmöglichkeiten vor.
Das Sorgenkind ist insbesondere der Frühjahrslaicher der westlichen Ostsee.
Seine Situation ist ernst, aber keineswegs hoffnungslos.
Wissenschaftler untersuchen deshalb inzwischen nicht mehr nur, wie viele Heringe gefangen werden dürfen. Sie wollen herausfinden, welche Laich- und Aufwuchsgebiete besonders wichtig sind und wie diese besser geschützt werden können.
Seit 2025 läuft beispielsweise das Forschungsprojekt HERBIS-MV. Dabei werden Heringe unter anderem mit akustischer Telemetrie verfolgt. Die Forscher wollen herausfinden, welche Routen die Tiere auf ihren jährlichen Wanderungen benutzen und welche Küstenbereiche für junge Heringe besonders wichtig sind.
Das ist ein entscheidender Perspektivwechsel.
Denn möglicherweise reicht es künftig nicht mehr, nur über Fangquoten zu sprechen. Dann müsste man auch die Kinderstuben des Herings gezielter schützen.
Ein kleiner Fisch erzählt eine große Geschichte
Vielleicht ist der Hering gerade deshalb so interessant.
Bei Walen, Robben oder Schweinswalen verstehen wir sofort, warum ihr Verschwinden Aufmerksamkeit bekommt.
Beim Hering ist das anders.
Er war Massenware. Brathering, Matjes, Bismarckhering. Ein Fisch, von dem scheinbar immer genug da war.
Doch gerade an ihm lässt sich beobachten, wie empfindlich ein Meer auf Veränderungen reagieren kann.
Wenn sich der Frühling um einige Wochen verschiebt, wenn das Wasser wärmer wird und wenn plötzlich zur falschen Zeit zu wenig Nahrung vorhanden ist, können daraus Jahre später deutlich kleinere Fischbestände entstehen.
Die gute Nachricht ist: Der Hering ist noch da.
Und die starke Begrenzung der Fischerei verschafft ihm zumindest die Chance, sich wieder zu erholen.
Ob das gelingt, entscheidet sich aber offenbar nicht allein draußen auf der Ostsee.
Es entscheidet sich vor allem dort, wo jedes Frühjahr eine neue Generation beginnt – im flachen Wasser, zwischen Wasserpflanzen, Plankton und Millionen winziger Heringslarven.
Und vielleicht steht deshalb in Zukunft nicht nur die Frage auf der Tagesordnung, wie viele Heringe wir aus der Ostsee holen dürfen.
Sondern auch, was wir tun müssen, damit wieder genügend neue hineinkommen.

