Verzierte weiße Häuser. Verspielte Laubsägearbeiten rund um den Balkon. Dahinter moderne quadratische Zweckbauten Die Bäderarchitektur prägt vor allem die östliche „Ost-Ostsee“, also den Strandabschnitt der ehemaligen DDR. Aber die Bäderarchitektur ist viel mehr als bloße Optik.
Heiligendamm 1793. Samuel Gottlieb von Vogel war mit seinen 44 Jahren sicher stolz. Er hatte seinem Chef, dem Herzog Friedrich Franz I., von der heilenden Wirkung kalten Seewassers erzählt. In England praktizierte man schon diese Kur. Nun wollte auch der Herzog mit seiner Entourage gesittet in die kalten Fluten steigen.
Gesittet – das gefiel Herrn Leibarzt von Vogel. Unlängst hatte er vor sieben Jahren ein fast 200 Seiten langes Traktat über die Onanie verfasst. Er empfahl dort unter anderem, Jünglingen (kleinen Jungs im Alter ab fünf Jahren) über Nacht die Unterarme verkehrt herum auf dem Rücken zusammenzubinden. Nur so konnte man die Schmach der „Selbstbefleckung“ verhindern.
Nun also Wasser. Vogel empfahl: „Man soll ohne Bekleidung ins Wasser gehen, weil dann die belebende direkte Wirkung des Seewassers auf den Körper am besten ist.“ Zur Wahrung der Sitte und des Anstands bemächtige man sich der Badekarren. Die wurden ins Wasser geschoben, damit die Nacktheit unbesehen ihren Lauf nahm.
Dem Herzog Friedrich Franz I. gefiel das. Er zeugte neben acht ehelichen Kindern mindestens fünfzehn uneheliche Nachkommen. Welche davon in Badekarren oder direkt im Wasser der Ostsee entstanden, ist nicht überliefert. Das Prinzip ist auch heute noch dasselbe, wenn der Kälteguru Wim Hof heutigen Lebensverbesserern und Körperoptimierern das Atmen in der Kälte beibringt. Dass Wim Hof jedoch Bücher über Onanie geschrieben hat, ist nicht bekannt.
Systemhäuser mit vorgesetzter Laubsägearbeit
Jedenfalls gefiel der hohen Gesellschaft diese Art der Sommerfrische sehr gut. Massenquartiere mussten her. Industrielle, Bankiers aber auch Künstler und die ein oder andere Muße wollten in den neuen Seebädern ihre Unterkunft finden. Die für die Badeorte typischen Häuser in Weiß mit vorgesetzten Holzbalkonen und Laubsäge-Verzierungen sind im Prinzip nichts anderes als Systemhäuser. Schnell und nach einheitlichem Standard hochgezogen, mit viel billigem Holz vertäfelt. Weiß deshalb, weil es dem Ideal der Reinheit entsprach und man damals noch glaubte, griechische Tempel seien allesamt Weiß gewesen. An solche Ideale wollte man anknüpfen.
So kamen Marmorsäulen, Dreiecksgiebel mit verspielten Türmchen und Jugendstil-Ornamenten zusammen und schufen ein dann tatsächlich einzigartiges Sammelsurium aus verschiedensten Stilen. Und da fast jeder so baute, ergab das ganze Ensemble eine einzigartige Uniformität.
Heiligendamm und Herzog Friedrich Franz I. legten vor. Ahlbeck und Usedom, Heringsdorf und Zinnowitz, Sellin und Binz folgten. Der Massentourismus gewann für die ansonsten von armen Fischern geprägte Ostsee Anfang des 19. Jahrhunderts an Bedeutung. Im 18. Jahrhundert eroberten die Adeligen die Ostsee. Im 19. Jahrhundert stieß immer mehr der Geldadel und andere hoch angesehene Mitglieder der feinen Gesellschaft hinzu. Erst im 20. Jahrhundert konnte und sollte auch die Arbeiterklasse die Sommerfrische an der Ostsee genießen können. Je mehr Gäste kamen, umso kleinteiliger wurden die Unterkünfte. Bezogen die ersten Gäste noch ihre eigenen Villen, blieben für das normale Bürgertum nur das Apartment oder das Hotelzimmer.
Berliner kamen und die DDR „bewahrte“
Eines hat sich seit damals nicht geändert. Hauptsächlich Berliner kommen an die ostdeutsche Ostsee. Die gute Verkehrsanbindung macht es möglich und es ist wohl auch ein Stück weit Gewohnheit und Familientradition, wenn es in jedem Jahr wieder an die typischen Seeorte geht.

Mit dem Wechsel in den Gesellschaftsschichten änderte sich nun also auch der Baustil. Pragmatische Zweckbauten eroberten immer mehr die Küste – bis hin zum Koloss von Prora, dem Sinnbild für staatlich organisierten Massentourismus. Auch wegen der wechselvollen Geschichte und politischen Systeme blieb die Ostseeregion von ihren Bauten her aber bemerkenswert vielschichtig und kleinteilig. Große Hotelanlagen, wie man sie aus südlichen Ländern kennt, findet man an der Ostsee kaum.
Der Bauboom der 60er Jahre hat so manchen Schandfleck mit vielen Geschossen entstehen lassen, doch das ist eher ein Problem der westlichen Ostsee. In der DDR „bewahrte“ man (unfreiwillig), was an Substanz vorhanden war. Dieser unglückliche Zustand führte einerseits dazu, dass mit der Wende viele heruntergekommene und mehrfach zweckentfremdete Gebäude an der Ostsee standen. Aber er führte eben auch dazu, dass die Gebäude aus den Anfängen der Ostsee-Bäderkultur zwar verfallen aber noch vorhanden waren.
Ein glücklicher Umstand für neue Investoren und Restauratoren. Und so wurde aus den ehemaligen modänen Villen wieder das, was sie ursprünglich mal waren – schicke Ensembles entlang des weißen Strandes der Ostsee. Diese Bäderarchitektur ist eine wiederentdeckte und nun wieder geschätzte Perle der Ostsee. Für echten Massentourismus in den heutigen Dimensionen sind die Häuser jedoch nicht ausgelegt. Wer heute entspannten Urlaub an der Ostsee machen will, der bucht eines der neuen Ferienhäuser an der Ostsee. Bäderarchitektur wird eben immer wieder neu definiert.


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