67.000 evakuierte Menschen an der französischen Atlantikküste, brennende Wälder in Spanien, Portugal und Griechenland – die Bilder aus Südeuropa sind erschütternd. Und sie verändern langsam, aber spürbar, wohin die Welt in Zukunft in den Urlaub fährt. Denn selbst wenn es nicht brennt – zu warm ist es im Süden ständig.

Rund 67.000 Menschen mussten in den vergangenen Tagen allein an der französischen Atlantikküste bei Bordeaux und Biscarosse ihre Campingplätze und Ferienunterkünfte verlassen. Neun Löschflugzeuge und tausend Feuerwehrleute kämpften gegen Flammen auf einer Fläche fast so groß wie Paris, Häuser brannten ab, Schiffe evakuierten Menschen von Cap Ferret aus. Auch in Spanien, Griechenland und Portugal stehen Feuerwehren seit Wochen im Dauereinsatz. Es sind bedrückende Nachrichten – für die betroffenen Menschen vor Ort ebenso wie für all jene, deren lang ersehnter Sommerurlaub plötzlich zur Gefahr wird.

Ein Sommer, der zum Muster wird

So schlimm dieser Sommer ist, ein Einzelfall ist er längst nicht mehr. In Frankreich wurden seit Jahresbeginn 2026 bereits über 12.500 Brände und 44.000 Hektar Land registriert – mehr als im bisherigen Rekordjahr 2022. In Spanien brennt nordöstlich von Madrid der nach Behördenangaben größte Waldbrand in der Geschichte der Region Kastilien-La Mancha, 1.200 Menschen aus 30 Ortschaften mussten fliehen. Portugal meldet mit rund 13.000 Hektar zerstörter Fläche bei Vouzela den bislang größten Einzelbrand Europas in diesem Jahr.

Für Reisende, die schon vor Ort sind oder ihre Reise antreten wollen, bedeutet das Lebensgefahr, Straßensperren, Rauch, gesperrte Sehenswürdigkeiten und immer wieder die bange Frage, ob der Urlaub überhaupt stattfinden kann. Verbraucherschützer weisen zudem darauf hin, dass eine kostenlose Stornierung selbst bei akuter Waldbrandgefahr nur in Ausnahmefällen möglich ist – für viele Familien bedeutet die Lage also nicht nur Sorge, sondern auch ein handfestes finanzielles Risiko.

Warum sich Reiseströme langsam verschieben: Der Coolcation-Effekt erklärt

Aus diesen wiederkehrenden Extremsommern ist ein Begriff entstanden, der über eine reine Modeerscheinung hinausgeht: „Coolcation“ – ein Kofferwort aus „cool“ und „vacation“, geprägt von der schwedischen Tourismusorganisation Visit Sweden. Gemeint ist eine Entwicklung, die sich zunehmend in belastbaren Daten zeigt: Immer mehr Menschen entscheiden sich bewusst gegen Hitze, Trockenheit und Brandrisiko im Süden – und für kühlere Regionen im Norden Europas. Denn selbst wenn es nicht dramatisch wird und brennt; zu heiß sind die Sommer im Süden Europas inzwischen ständig. An Erholung ist nicht zu denken.

40 Grad und Kreislaufprobleme oder doch lieber Ruhe und Erholung im Norden?

Der Mechanismus dahinter ist im Grunde simpel, aber wirkmächtig. Wo Sommerurlaub früher fast automatisch „Sonne, Strand, Süden“ bedeutete, wägen Reisende heute zunehmend ab: Ist ein Ziel mit 40 Grad, Kreislaufproblemen, Wassermangel, gesperrten Sehenswürdigkeiten und Waldbrandrisiko den Stress überhaupt noch wert? Für eine wachsende Zahl an Urlaubern lautet die Antwort: „Nein“ – und sie verlagern ihre Reisepläne dorthin, wo das Klima im Sommer noch angenehm und planbar ist: nach Skandinavien, ins Baltikum, an Nord- und Ostsee. Coolcation ist also weniger ein einzelnes Reiseziel als eine Verschiebung der Entscheidungslogik selbst – weg vom „trotz Hitze“ hin zu Ruhe und Erholung.

Wie relevant dieser Mechanismus ist, zeigt ein Fakt, der die ganze Tragweite der Verschiebung deutlich macht: Europa ist die mit Abstand meistbesuchte Region der Welt – rund 51 Prozent aller weltweiten Reisen entfallen auf unseren Kontinent. Wenn sich innerhalb dieser mit Abstand größten Urlaubsregion der Erde auch nur ein Teil der Nachfrage von Süd nach Nord verschiebt, sind die absoluten Zahlen entsprechend enorm – und genau das untersucht die Wissenschaft inzwischen sehr konkret.

Eine Studie der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU-Kommission hat dafür Daten aus 269 europäischen Regionen über 20 Jahre ausgewertet und die Entwicklung bis ins Jahr 2100 simuliert. Das Ergebnis: Es zeigt sich ein klares Nord-Süd-Muster bei der touristischen Nachfrage. Die nördlichen Regionen Europas profitieren demnach vom Klimawandel, während der Süden mit spürbaren Rückgängen rechnen muss – und dieser Effekt verstärkt sich, je weiter die Erwärmung fortschreitet.

Das trifft Regionen, die ökonomisch stark vom Tourismus abhängen: In Spanien macht die Branche rund 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, in Griechenland 13 Prozent, in Portugal sogar 21 Prozent. Eine Verschiebung der Reiseströme ist für diese Länder daher weit mehr als eine Randnotiz – sie trifft Existenzen, Arbeitsplätze und ganze Küstenökonomien, die ohnehin schon unter den direkten Folgen der Brände leiden. Und die entsprechenden Jobs entstehen dann eben zunehmend an der Ostsee.

Was das für die Ostseeküste bedeutet

Tourismusforscher mahnen jedoch noch zur Vorsicht: Von einem bereits etablierten Massentrend könne man noch nicht sprechen, eher von wachsendem Interesse – auch weil sich nicht jeder einen Urlaub im tendenziell teureren Norden leisten kann. Die Richtung aber, die sich in den Daten abzeichnet, ist jedoch eindeutig. Und sie wird auch an der Ostsee spürbar:

Mehr Nachfrage im Sommer. Wenn der Süden im Hochsommer zunehmend gemieden wird, profitieren Regionen wie die Ostsee, die mit mildem Klima, frischer Meeresluft und ohne Waldbrandwarnungen punkten können – ganz ohne, dass wir uns dafür anstrengen müssten.

Neue Chancen für die Nebensaison. Im Süden verlagert sich die Saison zunehmend Richtung Frühling und Herbst, weil der Hochsommer dort schlicht zu riskant wird. Immer mehr Menschen weichen aus und meiden die Sommermonate. Das hat auch Effekte für Urlaub an der Ostsee. Für Ostsee-Vermieter kann das ein Anlass sein, auch die eigenen Nebensaison-Monate stärker zu bewerben.

Wachsender Druck auf Infrastruktur. Mehr Gäste sind grundsätzlich eine gute Nachricht für die Region, bringen aber auch bekannte Herausforderungen zurück auf die Tagesordnung: volle Straßen zur Hauptreisezeit, Diskussionen um Belastungen für die Bestandsbevölkerung, und die Frage, ob Immobilien-Projekte an der Ostsee die Lösung sind.

Urlauber werden sich nach Alternativen umsehen

Was in Südeuropa gerade passiert, ist zuallererst eine menschliche und wirtschaftliche Tragödie für die betroffenen Regionen – das darf bei aller Zahlenlogik nicht untergehen. Gleichzeitig zeigen die Prognosen deutlich: Reisende werden sich in den kommenden Jahren zunehmend nach Alternativen umsehen, weil Hitze, Trockenheit und Waldbrandrisiko den klassischen Sommerurlaub am Mittelmeer immer unplanbarer machen. Für die Ostsee und den Norden Europas bedeutet das wachsende Nachfrage – eine Entwicklung, auf die sich Vermieter, Kommunen und Gastronomen an unserer Küste schon jetzt vorbereiten sollten. Der Trend bietet Chancen für die Region, die man nutzen sollte.


Quellen: DPA, Deutsche Welle, Associated Press, France 24, EFFIS/Europäische Kommission, Stiftung Warentest, Studie der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU-Kommission (JRC).


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