Wer seit Jahrzehnten seinen Urlaub an der Ostsee verbringt, kennt die großen Tiere der Region: Kegelrobben, Schweinswale, Seeadler oder Kraniche. Doch in den vergangenen Jahren taucht ein Name immer häufiger in den Schlagzeilen auf: der Buckelwal.
Sichtungen vor Rügen, an der polnischen Ostseeküste oder in den dänischen Meerengen sorgen regelmäßig für Aufsehen. Viele Urlauber fragen sich deshalb: Ist das ein außergewöhnliches Ereignis – oder kündigt sich hier ein neuer Trend an?
Die Antwort lautet: Wahrscheinlich beides.
Die Bestände im Atlantik haben sich deutlich erholt
Der wichtigste Grund für die zunehmenden Sichtungen liegt nicht in der Ostsee, sondern weit draußen im Atlantik.
Noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Buckelwale intensiv bejagt. Der kommerzielle Walfang reduzierte die Bestände vieler Walarten dramatisch. Erst das internationale Fangverbot von 1966 leitete die Wende ein.
Heute sprechen Wissenschaftler von einer bemerkenswerten Erholung. Im Nordatlantik lebten Anfang der 1990er-Jahre schätzungsweise deutlich weniger als 10.000 Tiere. Heute gehen internationale Fachorganisationen von knapp 25.000 Buckelwalen im Nordostatlantik aus. Das entspricht innerhalb von rund 30 Jahren einer Zunahme um mehr als 15.000 Tiere. (International Whaling Commission)
Auch in anderen Regionen der Welt zeigen sich ähnliche Entwicklungen. Im Nordpazifik stieg die Population beispielsweise von rund 16.900 Tieren im Jahr 2002 auf fast 33.500 Tiere im Jahr 2012. (PubMed)
Mehr Wale bedeuten mehr Irrgäste
Mit der wachsenden Zahl der Tiere nimmt auch die Wahrscheinlichkeit zu, dass einzelne Buckelwale von ihren üblichen Wanderrouten abweichen.
Buckelwale legen jedes Jahr Tausende von Kilometern zurück. Sie wechseln zwischen ihren Nahrungsgebieten in den kalten Gewässern des Nordens und ihren Fortpflanzungsgebieten in wärmeren Regionen.
Auf diesen langen Wanderungen kommt es immer wieder vor, dass einzelne Tiere ungewöhnliche Routen einschlagen. Die Nordsee gehört dabei durchaus zum erweiterten Verbreitungsgebiet der Buckelwale.
Die Ostsee hingegen gehört nicht zu ihrem natürlichen Lebensraum.
Die Ostsee ist für Buckelwale eine Sackgasse
Der Weg in die Ostsee führt durch die engen dänischen Meerengen. Gelangt ein Buckelwal in dieses Gebiet, wird die Rückkehr häufig schwierig.
Die Ostsee bietet den Tieren nur wenige der Bedingungen, an die sie angepasst sind. Sie ist vergleichsweise flach, besitzt einen geringeren Salzgehalt und verfügt über ein deutlich kleineres Nahrungsangebot als die offenen Meeresgebiete des Atlantiks.
Deshalb enden Aufenthalte in der Ostsee häufig tragisch. Immer wieder werden geschwächte, gestrandete oder verendete Tiere entdeckt.
Ein neues Normal an der Ostsee
Viele Menschen betrachten jede Walbeobachtung noch immer als außergewöhnliche Sensation. Tatsächlich könnte sich dies in den kommenden Jahrzehnten ändern.
Die Kombination aus wachsenden Beständen und weitreichenden Wanderbewegungen spricht dafür, dass Buckelwale künftig häufiger in der Ostsee auftauchen werden. Gleichzeitig ist damit zu rechnen, dass sich auch Meldungen über gestrandete oder verendete Tiere häufen werden.
Das bedeutet nicht, dass die Ostsee zu einem neuen Lebensraum für Buckelwale wird. Vielmehr werden wir es mit einem Phänomen zu tun haben, das zwar ungewöhnlich bleibt, aber zunehmend zum normalen Bild unserer Küsten gehören könnte.
Was bedeutet das für Bootsfahrer?
Für die Leser von ostseeboote.de ist die Entwicklung vor allem eines: faszinierend.
Die Wahrscheinlichkeit, einem bis zu 15 Meter langen Buckelwal während eines Bootsausflugs zu begegnen, bleibt zwar gering. Sie ist jedoch deutlich höher als noch vor wenigen Jahrzehnten.
Wer tatsächlich einen Wal entdeckt, sollte ausreichend Abstand halten und das Tier nicht verfolgen. Die Beobachtung eines Buckelwals gehört zu den eindrucksvollsten Naturerlebnissen, die die Ostsee heute zu bieten hat.
Vielleicht werden unsere Kinder und Enkel Walbeobachtungen an der Ostsee irgendwann genauso selbstverständlich finden wie wir heute die Begegnung mit Kegelrobben oder Schweinswalen.

