War der tote Buckelwal, der im Mai vor der dänischen Insel Anholt gefunden wurde, wirklich „Timmy“? Wochenlang wurde selbst darüber gestritten. Nun hat ein Molekulargenetiker der Universität Göttingen die vorhandenen DNA-Daten neu ausgewertet. Das Ergebnis ist ziemlich eindeutig: Die Datensätze stimmen zu 99,91 Prozent überein. Damit ist eine der merkwürdigsten Wendungen in der Geschichte des Ostsee-Wals praktisch vom Tisch. Andere Fragen bleiben dagegen offen.

Kaum ein Tier hat die Menschen an der deutschen Ostseeküste in diesem Jahr so beschäftigt wie der Buckelwal, der meist „Timmy“ genannt wurde.

Anfang März tauchte er in Wismar auf. Später wurde er vor Timmendorfer Strand entdeckt, strandete mehrfach und hielt sich schließlich schwer geschwächt vor der Insel Poel auf. Es folgte eine außergewöhnliche und von Anfang an umstrittene Rettungsaktion: Eine private Initiative brachte den Wal auf einem gefluteten Transportschiff aus der Ostsee in Richtung Nordsee.

Am 2. Mai wurde das Tier im Skagerrak, rund 70 Kilometer vor Skagen, freigelassen.

Am 14. Mai fand man vor der dänischen Insel Anholt einen toten Buckelwal.

Eigentlich deutete vieles darauf hin, dass damit die Geschichte von Timmy ein trauriges Ende gefunden hatte.

Doch dann wurde selbst darüber gestritten.

Plötzlich sollte der tote Wal gar nicht Timmy sein

Im Juli präsentierte eine an der Rettungsinitiative beteiligte Tierärztin Ergebnisse zweier in China untersuchter Gewebeproben.

Eine Probe sollte vom Wal während des Transports stammen, die andere vom Kadaver auf Anholt. Nach der damaligen Darstellung seien die Unterschiede zwischen den Proben so groß gewesen, dass sie möglicherweise nicht einmal von derselben Tierart stammten.

Damit war eine neue Geschichte geboren: Was, wenn Timmy gar nicht tot war? In sozialen Netzwerken wurde darüber teilweise wild spekuliert. Andere Beteiligte der Rettungsaktion widersprachen allerdings schon damals. Eine Tierärztin, die das Tier über längere Zeit begleitet hatte, erklärte, sie habe den Wal auf Anholt anhand seiner individuellen Merkmale wiedererkannt.

Auch ein weiteres Indiz sprach deutlich dafür: der Tracker. Der am lebenden Wal befestigte Sender wurde später vom toten Tier vor Anholt entfernt. Zudem zeigten seine Daten, dass der Wal nach seiner Freilassung wieder in Richtung Ostsee geschwommen war. Kurz vor Anholt endete das Signal.

Trotzdem blieb die DNA-Frage im Raum. Bis jetzt.

Göttinger Genetiker untersucht die Daten neu

Der Molekulargenetiker Prof. Bertram Brenig von der Universität Göttingen hat die vorhandenen genetischen Datensätze inzwischen bioinformatisch neu ausgewertet.

Sein Ergebnis:

Die beiden Datensätze stimmen zu 99,91 Prozent überein.

Brenig bezeichnete sie deshalb als praktisch identisch. Auch andere Fachleute bestätigten gegenüber Medien, dass eine derart hohe Übereinstimmung dafür spricht, dass die Proben vom selben Tier stammen.

Der NDR berichtet über die neue DNA-Auswertung.

Damit passt nun auch die Genetik zu dem Bild, das Tracker, Fundort und äußere Merkmale schon vorher ergeben hatten: Der tote Buckelwal von Anholt war Timmy. Und noch etwas ist inzwischen sicher: Der Name täuschte ein wenig. Timmy war ein Weibchen.

Was bedeutet die Zahl 99,91 Prozent eigentlich?

Hier lohnt es sich, genau hinzuschauen. Die neue Analyse bedeutet nicht, dass Wissenschaftler zwei frisch entnommene Gewebeproben in Göttingen untersucht und anschließend eine Identität von 99,91 Prozent festgestellt hätten.

Brenig analysierte vielmehr die ihm zur Verfügung gestellten DNA-Datensätze. Er äußerte sich ausdrücklich nicht dazu, woher die ursprünglichen Proben tatsächlich stammten oder wie sie behandelt worden waren. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Die Aussage lautet also: Wenn die Datensätze tatsächlich zu den angegebenen Proben gehören, dann sind sie genetisch praktisch identisch. Gerade weil um Timmy so viele Behauptungen und Gegenbehauptungen entstanden sind, sollte man auch beim scheinbar endgültigen Ergebnis diese Einschränkung nicht unterschlagen.

Warum gab es überhaupt widersprüchliche Ergebnisse?

Auch dafür gibt es mögliche Erklärungen. Bereits im Juli wurde bekannt, dass zumindest eine der Proben offenbar in Formalin eingelegt worden war. Formalin wird zur Konservierung biologischen Materials verwendet, kann DNA aber gleichzeitig schädigen.

Hinzu kamen Fragen zur Kühlung und Lagerung. Bei genetischen Untersuchungen spielt die Qualität des Ausgangsmaterials eine entscheidende Rolle. Beschädigte oder verunreinigte DNA kann zu schwer interpretierbaren Ergebnissen führen. Ob genau das die Ursache der zunächst behaupteten großen Unterschiede war, ist allerdings nicht abschließend geklärt.

Fest steht lediglich: Die erneute fachliche Analyse der vorhandenen DNA-Daten kommt nun zu einem vollkommen anderen Ergebnis.

Was wir über Timmys letzten Weg wissen

    Der Buckelwal wurde am 3. März erstmals in Wismar beobachtet.

    Am 23. März lag er auf einer Sandbank vor Timmendorfer Strand. Danach konnte er sich noch einmal befreien, strandete jedoch erneut. Ende März hielt sich das zunehmend geschwächte Tier vor Poel auf.

    Am 28. April begann schließlich der spektakuläre Transport Richtung Nordsee. Timmy befand sich dabei in einem gefluteten Bereich eines Schiffes. Am 2. Mai wurde der Wal im Skagerrak freigelassen.

    Die anschließend ausgewerteten Tracker-Daten zeigten, dass das Tier die Freilassung zunächst überlebte und sich weiterbewegte. Nach Angaben des Umweltministeriums legte es noch mehr als 200 Kilometer zurück. Dann endeten die Signale.

    Am 14. Mai wurde der tote Wal vor Anholt entdeckt. Der Tracker befand sich noch am Tier. Spätestens zusammen mit der neuen DNA-Auswertung ergibt sich damit eine sehr geschlossene Indizienkette.

    Was die DNA nicht beantwortet

    So eindeutig die Identitätsfrage inzwischen erscheint, eine andere Frage beantwortet die Untersuchung ausdrücklich nicht:

    Warum starb Timmy?

    Schon bevor die private Rettungsaktion begann, hatten Fachleute den Zustand des Tieres als sehr schlecht eingeschätzt. Nach dem Tod wurde der Kadaver auf Anholt untersucht. Dabei stellte sich unter anderem heraus, dass das Tier weiblich war und Parasiten in seinen Organen hatte. Welche Faktoren letztlich zum Tod führten und welchen Einfluss der Transport beziehungsweise die Freilassung darauf hatten, lässt sich aus dem DNA-Vergleich nicht ableiten.

    Auch die grundsätzliche Diskussion darüber, ob der aufwendige Rettungsversuch richtig war, wird durch das neue Ergebnis nicht entschieden. Das sollte man sauber voneinander trennen.

    Aus einem Wal wurde ein gesellschaftlicher Streit

    Vielleicht ist genau das die bemerkenswerteste Seite der Geschichte. Aus der Frage, wie einem gestrandeten Wal geholfen werden kann, entwickelte sich innerhalb weniger Wochen eine Auseinandersetzung, die weit über Tierschutz und Meeresbiologie hinausging.

    Fachleute wurden öffentlich angegriffen. Dem Deutschen Meeresmuseum in Stralsund wurde teilweise unterstellt, man wolle das Tier absichtlich sterben lassen. Mitarbeiter des Museums erhielten nach eigenen Angaben Beleidigungen und Drohungen; inzwischen beschäftigt sich sogar die Polizei mit mehreren Fällen. Der NDR hat die Eskalation rund um den Wal ausführlich dokumentiert.

    Dabei geriet etwas aus dem Blick, das bei einem außergewöhnlichen Wildtierfund eigentlich selbstverständlich sein sollte: Nicht jede offene Frage ist ein Beweis dafür, dass jemand etwas verheimlicht. Und nicht jede wissenschaftliche Einschätzung muss sich im Nachhinein als richtig herausstellen. Wissenschaft funktioniert gerade dadurch, dass Daten überprüft, Ergebnisse hinterfragt und neue Erkenntnisse berücksichtigt werden.

    Was wir heute wirklich wissen

    Nach Monaten voller Rettungsversuche, widersprüchlicher Aussagen und Spekulationen lässt sich zumindest ein Teil der Geschichte ziemlich klar zusammenfassen.

    Der Buckelwal, der im Frühjahr an der deutschen Ostseeküste für so viel Aufmerksamkeit sorgte, wurde in die Nordsee gebracht und dort am 2. Mai freigelassen. Er überlebte die Freilassung zunächst und schwamm noch weiter.

    Das Tier, das knapp zwei Wochen später vor Anholt gefunden wurde, war mit sehr großer Sicherheit derselbe Wal. Timmy war ein Weibchen. Und Timmy ist tot.

    Was genau zu ihrem Tod geführt hat und welche Lehren Fachleute aus der ungewöhnlichen Rettungsaktion ziehen werden, ist damit noch nicht abschließend beantwortet. Vielleicht ist das nach all den Spekulationen auch die vernünftigste Erkenntnis aus der Geschichte:

    Dort, wo wir etwas wissen, können wir es sagen. Dort, wo wir es noch nicht wissen, sollten wir genau das ebenfalls sagen.


    Cookie Consent mit Real Cookie Banner